Herbst-Blues

Nun ist also tatsächlich der Herbst in Moskau eingekehrt, was man daran erkennt, dass seit ein paar Tagen Schnee liegt. Zum Schneemannbauen reicht es noch nicht, aber für einen Schneespaziergang schon: Da uns die Zeitumstellung freundlicherweise eine Stunde geschenkt hat, waren wir trotz meines Ausschlafbedürfnisses gestern früh im Wald spazieren, ich bin auf einem zugefrorenen Mini-Teich herumgesprungen (ganz vorsichtig allerdings) und habe die frische Luft und die Sonnenstrahlen sehr genossen. In letzter Zeit hatte ich davon nämlich leider nicht sooo viel – früh aus dem Haus, wenn’s noch dunkel ist, abends heim, wenn’s schon dunkel ist… und frische Luft gibt’s unterwegs nicht.

Seit einigen Tagen hängt übrigens ein großes Banner über der Straße, auf der wir aus Moskau raus zu uns fahren, das verkündet stolz, dass diese Straße ein Teilstück der Fernverkehrstrasse Paris-Berlin-Warschau-Minsk-Moskau-Nizhnij Novgorod ist – man höre und staune! Ich wohne also quasi an der Straße Paris-Nizhnij Novgorod, ich bin also gar nicht so weit ab vom Schuss, *lach. Aber um von Moskau nach Nizhnij Novgorod zu fahren, braucht man bestimmt genau so lange wie von Paris bis nach Moskau.. *seufz.

Am Wochenende ist noch was dummes passiert – mir hat jemand die Freundschaft gekündigt, weil er bzw. sie nicht zur Hochzeit eingeladen war. Das ist natürlich albern, aber trotzdem unangenehm. Im Moment sehe ich nicht so große Chancen, dass das wieder ins Lot kommt, mal sehen, wie’s damit weitergeht.

Morgenfrost bringt keine Post

Heute hatten wir zum ersten Mal Frost, und ich bin mit Schal und Mütze aus dem Haus gegangen. Tagsüber scheint zwar die Sonne, aber der ungewöhnlich lange Altweibersommer (Mitte September bis Mitte Oktober!!) ist nun wohl vorbei, und ich muss aufpassen, dass ich mir nicht wieder irgendeine Rüsselseuche einfange. Mein Postfach bei web.de war heute leer – es wundert mich nicht wirklich, ich komme ja kaum zum Schreiben, also schreibt mir natürlich keiner zurück. Ich würde auch gern endlich die Hochzeitsbildergalerien, die ich mit Mühe gebastelt habe, ins Netz stellen, leider fehlt dazu auf Arbeit die Zeit, und zu Hause haben wir kein Internet. Vielleicht ändert sich das bald. Andrej und ich hatten ja eigentlich vor umzuziehen, aber wir bleiben nun erst mal da, wo wir sind und es uns schon gemütlich gemacht haben. Und genau dahin will ich jetzt – nach Hause.

Ein Leberwurstbrot mit sauren Gurken…

„… ein Leberwurstbrot wünsch ich mihier…“ und manche Wünsche gehen sogar in Erfüllung. Gleich in der ersten Woche nach unserer Ankunft hier in Russland hatte Andrej eine sehr leckere Leberwurstsorte aus Belgien entdeckt – ein Gedicht! Ich bin ja schon seit meiner Kindheit ein großer Leberwurstfan, meine Familie kann das bestätigen. Leider lässt die russische Leberwurst – mit wenigen Ausnahmen – sehr zu wünschen übrig: Die gibt’s meist in Dosen unter dem Namen „paschtet s …“ (Pastete mit irgendwas), da möchte man lieber gar nicht wissen, was drin ist. Wahrscheinlich alles, bloß kein Fleisch, abgesehen vielleicht von den Ratten, die in der Wurstfabrik versehentlich mit in den Fleischwolf kommen (jaha – ich hab hier schon schauerliche Geschichten gehört, die einen glatt zum Vegetarier werden lassen könnten).

Jedenfalls gibt es zu meiner großen Freude auch andere Leberwurst, und zwar nicht in Dosen, sondern wie sich das gehört. Wir haben mittlerweile ein paar Sorten durchprobiert, auch aus anderen Geschäften, alles essbar, aber an diese eine oberleckere belgische Leberwurst kommt einfach keine ran. Am Freitag habe ich nun auch ein Glas mit kleinen knackigen Gewürzgurken gekauft, die sich wie zufällig in der Nähe der Kasse unseres örtlichen „Supermarktes“ rumdrückten und mir vorher noch nie aufgefallen waren, und das Abendbrot wurde ein kleines Fest: frisches Brot dick bestrichen mit belgischer Leberwurst und dazu saure Gürkchen. Andrej hat’s auch probiert und war begeistert – wen wundert’s? Zur Feier des Tages habe ich ihm das Lied vorgesungen, das Nils und meiner einer mal gedichtet haben, sehr lustig. Jetzt kaue ich hier im Büro auf einem Leberwurstbrot herum, das mein lieber Mann heute früh gemacht und mit dünnen Gurkenstreifchen belegt hat, und wundere mich über die Wirkung: Den ganzen Tag war ich müde, fühlte mich nicht gut und wusste nicht so recht, wohin mit mir – und jetzt geht’s mir viel besser. Warum nur?

der sogenannte lange Arm des Gesetzes

Heute früh auf dem Weg zur Arbeit hab ich ja was gesehen, das hat mich ein bißchen schockiert. Eigentlich war es keine so große Sache, aber trotzdem…

Von der Metro-Station zum Büro muss ich an einer Tankstelle vorbei, und die haben da auch eine Autowaschanlage. Das ist nicht so wie bei uns mit großen Schwämmen und Schwabberbürsten, die das von alleine alles machen, sondern das ist wie eine offene Halle, wo das Auto von drei Leuten nassgespritzt, eingeseift, geputzt und poliert wird. Man kann da also prima reingucken. Naja. Direkt neben der Tankstelle und der Autowaschanlage ist ein ganz kleiner Hang, und dahinter fängt eine Baustelle an. Auf dem Hang liegen hinter einem Baucontainer ein paar Rollen Maschendrahtzaun und einige Holzkisten mit Metallhaken, wie man sie z.B. zum Zelten benutzt („Heringe“ nennt man die bei uns), bloß bissel länger.

Ich geh da also so lang und auf die Waschanlage zu (ich muss zwischen ihr und der Tankstelle durch, weil neben der Waschanlage kein Fußweg, sondern gleich vielbefahrene Straße ist) und sehe, dass die Waschleute da ein Polizeiauto auf Hochglanz bringen. „Aha,“ denk ich, „dann kann der Hüter des Gesetzes ja nicht weit sein.“ Und richtig – als ich da so leicht links einbiege, um zwischen Tankstelle und Waschanlage durchzuwatscheln, seh ich ihn, wie er seelenruhig und zufrieden grinsend den Hang runterschlendert – mit einem Packen von diesen Metallhaken in der Hand. Die landen bestimmt auf seiner Datscha – ich kann mir kaum vorstellen, dass er sich die Dinger nur mal ausleihen wollte. Das Gesetz hat in Russland also nicht nur einen langen Arm, sondern auch ganz schön lange Finger. Ich möchte gar nicht wissen, was da noch so alles kleben bleibt.

endlich wieder vernetzt

Mannomann, das Chaos tobt, und ich bin mittendrin. Wenn das Internet mal geht, bin ich nicht im Büro, weil irgendwelche Leute durch die Gegend begleitet, Papiere besorgt oder Dinge erledigt werden müssen. Ich hoffe, das alles pendelt sich bald ein, sonst komme ich mir hier bald als Laufbursche bzw. -mädel vor. Und wenn ich dann endlich im Büro bin, kann ich doch nicht ins Netz, weil es nicht funktioniert. Dieser Anbieter macht mich ganz verrückt – und keiner ist angeblich zuständig!