Winterstarre

Man könnte wirklich meinen, Moskau ist von einem Tag auf den anderen in Winterstarre verfallen, und das nicht nur, weil innerhalb relativ kurzer Zeit die Temperaturen rapide gesunken sind:
– Montag: + 5 Grad
– Dienstag: – 6 Grad
– Mittwoch: – 9 Grad
– Donnerstag: – 11 Grad
– Freitag: – 16 Grad
Gemessen wurde jeweils früh gegen halb/um 7 Moskauer Zeit. Passenderweise ist ausgerechnet am Montagabend unser Auto kaputtgegangen, so dass wir nun täglich morgens 20-25 Minuten zur Bushaltestelle schlittern dürfen (gestreut oder geräumt wurde bisher irgendwie in unserem Ort noch nicht).
Da wir gestern früh zwei und abend sage und schreibe vier Stunden (jawohl, richtig gelesen) mit dem Bus im Stau standen, bin ich morgens heute mit der Elektritschka gefahren und mache das heute Abend auch wieder. Es ist unfassbar, was sich auf Moskau Straßen abspielt – ein Forum-Freund stand gestern mit seinem Auto fast neun Stunden auf dem MKAD, na und wir haben mit dem Bus von der Metro im Ismailovskij Park bis zum MKAD (das sind so 6-7 km Maximum) geschlagene drei Stunden gebraucht. Zu Fuß wären wir schneller gewesen…

Mich wundert dabei, dass kein einziges Räumfahrzeug unterwegs war, obwohl doch schon in den letzten Tagen klar war, dass der Winter nun unweigerlich kommt und man sich darauf einstellen sollte – man kann also wirklich nicht sagen, dass die Moskauer Straßenbetriebe aus heiterem Himmel vom Winter überfallen worden wären. Aber das ist hier irgendwie jedes Jahr das Gleiche – man redet die Ganze Zeit davon, dass der Wintereinbruch jetzt… na, noch nicht, aber jetzt, also fast, gleich, ganz bald unmittelbar bevorsteht, und wenn es dann soweit ist — passiert erstmal ein-zwei Tage nichts. Winterstarre. Und auf den Straßen tobt das Chaos.winterstau1.jpg winterstau2.jpg

Ein Gebet

…hat, glaube ich, fast jeder irgendwann schon mal gesprochen, egal, ob er/sie nun gläubig ist oder nicht. Gestern nun haben Andrej und ich das erste Mal zusammen gebetet, also nicht nur nebeneinander stehend jeder still für sich aus dem orthodoxen Gebetbuch oder jeder seins, sondern zusammen, hörbar, persönlich. Für mich war das sooooo wichtig… und befreiend. Zum einen, weil ich mir lange schon gewünscht habe, mit Andrej gemeinsam zu Gott zu sprechen. Zum anderen, weil nun endlich jemand mit mir betet und mir so hilft, nicht in meiner eigenen Sprachlosigkeit zu versinken, die zu überwinden (z.B. nach Hänge-, Müdigkeits-, Faulheits- und anderen Zeiten) alleine nicht gerade leicht ist, in Gemeinschaft dagegen schon eher.

Dem Ganzen voraus ging ein recht kurzes, aber tiefes Gespräch über Gott und Seine Nähe und die Wichtigkeit des Gesprächs mit Ihm, ohne das es keine Gemeinschaft mit Ihm gibt. Andrej zieht Gewinn vor allem aus den Gebeten orthodoxer Kirchenväter, die im Gebetbuch zusammengefasst sind, und die sind auch wirklich gut – ich nutze die auch ab und zu, aber es sind nun mal nicht meine Worte. Andrej sagt, er profitiert von der geistlichen Erfahrung der Männer, die diese Gebete zusammengestellt haben, da man Beten erst lernen muss – dem stimme ich zu, aber ich muss doch irgendwie auch meine eigenen Empfindungen, Gedanken und so zu Gott tragen. Unser geistlicher Mentor in Moskau, Vater Aleksej, sagte mal, dass die Gebete aus dem Gebetbuch dann eine besonders wichtige Rolle spielen, wenn das Herz quasi kalt ist – dass man sich also wenigstens an diesen Gebete festhält und überhaupt mit Gott spricht. Das finde ich eigentlich ’nen guten Ansatz. Und wenn das Herz für Gott brennt, sagte er, braucht man das Gebetbuch kaum, dann fließt das eigene Gebet sowieso über. Und da will ich wieder hin. Mein Liebster findet es schade, dass ich mich in der (orthodoxen) Kirche hier  nicht so angenommen und angekommen fühle… denn auch wenn mir die Orthodoxie mittlerweile vertraut ist und ich vieles verstehe und einiges in mein geistliches Schatzkästlein übernehme und gern in diese Kirche gehe, heißt das nicht, dass ich alles, was ich vorher hatte, vergesse und über Bord schmeiße. Es geht nicht, und das will ich auch nicht, obwohl es manchmal schon schwierig ist, so zwischen zwei Stühlen zu sitzen…

Edit und PS: Habe übrigens darüber nachgedacht, ob ich zum Thema „russische Orthodoxie“ mal eine Unterrubrik dieser Seite aufmache, weil das ja doch für die meisten MaNus-Leser ein eher unbekanntes Kapitel ist, das mich zum einen selber interessiert und persönlich betrifft, zum anderen hab ich ja hier quasi Zugang zur Quelle. Bin dafür und werde mich also demnächst ans Basteln machen. Siehe dann hier.

im Osten nichts Neues

Freitag ist heute, ich bin müde – seit dem Finnland-Abenteuer hab ich immer noch ein Schlafdefizit, aber bei täglichem Aufstehen um 5:40 kriegt man das früher oder später auch ohne weite Reisen. Vorgestern gab’s eine Warnung vor Terroranschlägen in der Metro und so, die wurde mittlerweile abgeblasen. Bin mir auch gar nicht so sicher, ob das nicht einfach nur eine PR-Geschichte war. Manche russischen Zeitungen haben da ihre Version, ich denke mir auch meinen Teil (und im Aktuell.ru-Forum hab ich sogar ein bisschen laut gedacht:) 

Wenn die Leute sich gedanklich mit möglichen Anschlägen in der Metro beschäftigen und Vater Staat mit seiner Miliz und deren Hunden Präsenz zeigt, hat das für mich noch paar andere Nuancen:
1. Die Leute haben dann keine Zeit, sich Gedanken zu machen, warum trotz lauem Winter die Heizkosten steigen, warum sich in der Sozialpolitik nichts tut etc.
2. Selbst wenn sie doch drüber nachdenken, sehen sie ja anhand der vielen Milizionäre, dass Vater Staat sich trotzdem gutmütig um sie kümmert und halt wegen der bösen Terroristen nur keine Möglichkeit hat, die anderen Probleme zu lösen.
3. Böse Terroristen sind sowie an allem schuld, und die geben auch immer mal wieder Anlass zu verschärften Kontrollen aller Art, Einschränkungen von Freiheitsrechten etc. Vielleicht muss ja auch nur ein dicker Skandal vertuscht werden, und damit die Medien den nicht entdecken, kriegen sie halt ein anderes „brennendes“ Thema für ihre Titelseiten.

Was haben wir sonst noch an Neuigkeiten? Der Ölstreit mit Weißrussland ist beigelegt, jetzt kabbelt man sich gerade wieder mit Estland rum, weil die ein Denkmal für im 2. Weltkrieg gefallene Sowjetsoldaten in Tallin einfach beseitigen wollen. In Estland halten viele ja die deutschen Soldaten (des 1. und 2. Weltkrieges) für die wahren Befreier von der „russisch-sowjetischen Besatzung“, und so piesackt man heutzutage eben gern Russland, wo es nur geht. Aber das ist ein anderes Thema. Den russischen Botschafter in Georgien, der letztes Jahr nach dem Spionage-Konflikt abberufen wurde, hat Putin gestern wieder nach Tiflis geschickt, es scheint sich also das Verhältnis zu Georgien auch entspannt zu haben. Aus der Ukraine hört man derzeit nur, dass die Krim-Tataren ein wenig Unruhe stiften, sonst ist alles ungewöhnlich ruhig. Gut so.

Ich will die russische Politik ja nicht in Schutz nehmen, die bei Konflikte leider oft nicht besonders feinfühlig oder diplomatisch reagiert, aber irgendwie ist es schon Mist, wenn die kleinen Nachbarn dem großen Russland ans Schienbein treten und jede Handlung der Russen zur Wahrung ihrer Interessen immer gleich als politischer oder wirtschaftlicher Druck ausgelegt wird. Die USA hätten vermutlich die Ukraine oder Weißrussland gleich annektiert, wenn die sich aus amerikanischen Erdölleitungen was abgezapft hätten, und Estland hätte bestimmt schon diverse Handelsembargos und UN-Resolutionen für die Diskriminierung von Nicht-Esten kassiert. Leider wird bei Russland halt oft mit einem anderen Maßstab gemessen…

einmal Finnland und zurück

Da ich ja nach dem russischen Ausländerrecht einmal pro Halbjahr aus Russland raus muss und dieses Halbjahr Ende Januar abläuft, wir aber hauptsächlich aus finanziellen Gründen über Weihnachten und Neujahr keinen Heimaturlaub machen konnten, musste irgendeine Grenze her, wo man schnell und günstig hinkommt und für die wir beide kein Extra-Visum brauchen – und so fuhren wir Freitagnacht mit dem Zug nach St. Petersburg und von da aus am Samstagmorgen nach Finnland. Naja, fast.

Erstmal mussten wir nämlich überhaupt zur Grenze kommen. Ich war in meiner Naivität davon ausgegangen, dass es besser wäre, keinen Shop-Tour-Bus von St. Petersburg aus zu nehmen, sondern nach Vyborg, das laut Internetinfos ein hübsches Städtchen nach europäischer Manier nahe der russisch-finnischen Grenze sein soll, und von dort aus weiter in die erstbeste finnische Stadt zu fahren, dort ein bisschen herumzuspazieren und dann am späten Nachmittag wieder zurückzufahren. Bis wir in Vyborg herausgefunden hatten, wo und wann irgendein Bus nach Finnland fährt, mussten wir einige sehr unfreundliche Antworten und auch einige Minusgrade ertragen, und erst gegen zwei Uhr kamen wir dann endlich aus diesem grauen, miesen und gar nicht hübschen Kaff weg und über einen märchenwaldähnlichen Landstrich (kein Wunder, Grenzgebiet mit Schranke und so und richtigem weißen Schnee!!!) zur Zoll- und Grenzabfertigung.

Über die russische Grenze ging’s recht schnell, dann stürzten alle außer uns ins Duty Free, und weiter ging es zur finnischen Grenzstation, die für uns auch die Endstation war. Als nämlich alle Passagiere abgefertigt und in ein gläsernes Wartehäuschen verfrachtet waren, nahmen die Finnen sich den Bus vor. Der wurde dann in einer speziellen Box genauer unter die Lupe genommen, und wir wollten uns schon freuen, als er 40 Minuten später da wieder rausrollte, aber zu früh. Unser Fahrer, auch ein Finne, watschelte in Begleitung der Grenzer wieder ins Abfertigungsterminal und ward nicht mehr gesehen. Für unseren Ausflug in die nächste finnische Stadt wurde die Zeit knapp und knapper, denn wir mussten ja abends irgendwie auch wieder zurück, und Andrej war schon reichlich nervös. Also entschieden wir schließlich gegen fünf Uhr, unser Finnland-Abenteuer zu beenden und zum Abfertigungsterminal zurückzugehen, allerdings auf die andere Seite, wo die Kontrolle zur Ausreise aus Finnland stattfindet. Unsere Pässe waren schon abgestempelt, wir waren quasi schon nach Finnland eingereist, und schon der zweite Busfahrer, den wir fragten, war für 30 Euro bereit, die finnischen und russischen Grenzer ein wenig zu beschummeln (die kriegen eine abgestempelte Passagierliste) und uns nach St. Petersburg mitzunehmen, wo wir schließlich gegen 22 Uhr ankamen.

Immerhin haben wir ja trotzdem das geschafft, worauf es ankam: Grenze überqueren, Stempel in den Pass bekommen und neue Migrationskarte für mich holen. Juhu!!! Und wir hatten einen recht gemütlichen Aufenthalt im Hotel „Rossia“ und noch einen sehr schönen Sonntag in St. Petersburg, bevor es wieder mit einem Nachtzug zurück nach Moskau ging. Aber darüber gibt’s vielleicht mal einen Extra-Eintrag. Nach Finnland jedenfalls fahren wir nie wieder!

winterlich

…ist es derzeit überhaupt nicht. Wir haben um die 4-6 Grad, plus wohlgemerkt. Ich freu mich, denn ich krieg in der Metro keinen Hitzestau – ich muss nämlich keine leidigen Strumpfhosen und sonstige sehr warme Klamotten anziehen, nicht mal Mütze und Handschuhe.  Im vergangenen Jahr sah das ganz anders aus, da gab’s ja sogar in Germanien Tiefkühltemperaturen und viel Schnee.

Manchmal freu ich mich sogar noch mehr, nämlich wenn ich mir überlege, dass Gott vielleicht wegen uns dieses Jahr keinen Schnee schickt… wir können nämlich überhaupt keinen gebrauchen, denn je mehr Schnee liegt, desto länger taut der dann im Frühling und desto länger dauert es, bis der Boden halbwegs so trocken ist, dass wir auf der Datscha anfangen können, unser Häuslein zu bauen. Aber ganz so anmaßend wollen wir ja nicht sein. Schließlich passt anderen Leuten (und den Bären, die nicht schlafen können, und den Knospen, die zu früh aufgehen und vielleicht erfrieren) gar nicht, dass der Winter so lau ist. Und trotzdem ist es irgendwie Klasse, sich vorzustellen, dass Gott auf diese Weise das Fundament für unser Familiennest (trocken)legt…

ein Lied für Moskau

Das hab ich neulich mehr zufällig entdeckt: „Moskau“ von Rammstein feat. TaTu. Ist natürlich Geschmacksache, ich fand’s interessant in jeder Hinsicht. Frohes neues Jahr übrigens!