„Un“Fälle

Wie soll man das nennen? Alltag in Russland? Traurig aber wahr – sowas kommt leider nicht so selten vor. Gestern ist in Petersburg ein Baukran auf ein 12-stöckiges Wohnhaus gestürzt, zwei Menschen kamen dabei in ihrer Wohnung ums Leben, mehrere wurden verletzt. Erst im Januar fiel in Surgut ein Kran knapp neben einem Einkaufszentrum auf ein geparktes Auto. Und das alles ohne Sturm oder sonstige ungünstige Wetterbedinungen.

Kran

In Moskau fallen keine Kräne um, dafür sacken Straßen ein – und zwar auch regelmäßig. Da rutschen dann manchmal auch Autos mit ab. Am Sonntag erst ist ein Teil Minsker Straße einen halben Meter tief eingebrochen. Da ist zum Glück nichts ernsthaftes passiert, und der Schaden war relativ schnell behoben. Im November gab es einen Einbruch der Straßendecke im Dukhovnij Pereulok, im Oktover auf der Shljuzevskaja Naberezhnaja, im September waren es gleich drei solcher Vorkommnisse -auf dem Leningradskij Prospekt, auf der Ulica Dezhneva und auf der Ulica Akademika Koroleva.

Schuld daran sind die „geologischen Besonderheiten des Bodens, auf dem Moskau steht“, aber nicht etwa die Tatsache, dass halb Moskau von U-Bahn- und sonstigen Schächten unterhöhlt ist und oben drüber wild gebaut wird, Reklamemasten in die Erde gerammt werden und dass die Straßen z.T. nicht richtig befestigt werden, bevor der Asphalt drauf kommt. Weit braucht man übrigens gar nicht gucken: Das ist der Fußweg am Anfang der Straße, in der sich mein Büro befindet:

Fussweg

Esst mehr Huhn!

Richtig, die Moskauer werden aufgefordert, mehr Hühnerfleisch zu essen. Paradox, wo doch seit dem Wochenende für einige Orte im Moskauer Umland Quarantäne verhängt wurde, weil Fälle von Vogelgrippe festgestellt wurden. Die Quarantäne-Maßnahmen in den Nachrichten sahen reichlich stümperhaft aus (da liefen zwei Leute in Plastikanzug und Gummistiefeln rum, dann kam irgendwann im Laufe des Vormittags mal ein Polizeiauto an und dann noch eins, und erst am Nachmittag wurden dann alle aus dem Ort abfahrenden Fahrzeuge kontrolliert und deren Reifen desinfiziert). Und obwohl der Bauer, dem die Hühner gehörten, diese vor ca. einer Woche nachweislich auf dem Moskauer Vogelmarkt gekauft hat, fand man auf dem Vogelmarkt selber natürlich nichts. Keine Spur von Vogelgrippe. Die wurde wahrscheinlich mit ein paar Finanzspritzen beseitigt. Also Leute, keine Sorge, esst mehr Huhn!

PS: Aha, woanders gab’s die Hühnerpropaganda also vor einem Jahr auch schon mal, wie ich gerade herausgefunden habe. Na dann muss ich mir ja erst recht keinen Kopf machen. Wie gut nur, dass grad Fastenzeit ist.

der stellvertretende Stellvertreter

Oh, heute hat Onkel Wowa mal wieder für Aufsehen gesorgt. Wurde ja auch Zeit, die berühmt-berüchtigte Münchner Rede ist ja schon ein paar Tage her. Diesmal ging es innenpolitisch zur Sache, Onkel Wowa hat in der Regierung ein wenig die Stühle herumgeschoben:

Sergej Ivanov, eben noch unsympathischer Verteidigungsminister, ist nun zwar immer noch unsympathisch, aber nicht mehr Verteidigungminister, sondern Erster Stellvertretender Regierungsvorsitzender, so heißt das auf russisch, in Deutschland wäre er Erster Vizekanzler. Ups… Moment mal, so einen gibt es doch schon… war nicht Dmitrij Medvedjev schon Erster Stellvertretender Regierungsvorsitzender? Stimmt… und wieso „erster“ – gibt es auch einen zweiten? Nö. Aber dafür zwei (von denen einer heute dazukam), die „nur“ jeweils Stellvertretender Regierungsvorsitzender sind. Wer mal einen Blick auf die Herren werfen will – bitte hier entlang. Nun wird geflüstert und gemunkelt, dass Ivanov nun mit Medvedjev auf eine Stufe gestellt wurde und der oder wenigstens einer von beiden nun megaheißer Nachfolgekandidat von Onkel Wowa sein MUSS. Naja, lassen wir mal das Gemunkel – Putin behält sich ja das Recht vor, zu gegebener Zeit eine Empfehlung auszusprechen, wen er denn für einen geeigneten Anwärter auf den Präsidentensessel hält (und wenn er eine Packung Knäckebrot empfiehlt, dann wird die wohl auch gewählt werden, aber das nur mal am Rande).

Eine Fage muss der aufmerksame Leser aber schon noch haben: Wer ist denn jetzt Verteidigungsminister? Diese verantwortungsvolle Position (die Armee spielt schließlich in Russland eine weitaus wichtigere Rolle als in Germanien) wurde dem (inzwischen ehemaligen) Leiter der Föderalen Steuerbehörde übertragen. Argument: „Der kann Geld zählen“ – und von dem sei in die Armee in letzter Zeit viel reingesteckt worden, da müsse man ein Auge drauf haben. Logisch, oder?

Es schneit…

…und das jetzt schon ’ne ganze Weile, bis zum Abend erwartet man „riesige Mengen an Schnee“ – wieder nur eine dämliche Ausrede, warum die Räumfahrzeuge es nicht schaffen, bis zum Feierabend die Straßen soweit freizuräumen, dass man halbwegs normal heim kommt. Wenigstens räumen sie überhaupt, das ist ja schon mal was (nur wo? interessant). Ich fahre jedenfalls heute mit der Elektritschka heim, hab keine Lust zu riskieren, wieder drei Stunden im Bus festzusitzen wie neulich schon mal.

Übrigens habe ich heute von einem Forum-Freund erfahren, dass es in Novosibirsk gerade mal -2 Grad kalt ist… wir hatten gestern früh -22 und heute immer noch -15 in Moskau. Aber dank dem Schneesturm kommt ab morgen ne dicke Erwärmung. Sagt man. Den Wetterberichten hier glaub ich aber kein Wort.

Warum müssen immer alle drängeln, schieben, schubsen?

Das ist eine Frage, die ich mir gelegentlich stelle und für die ich bisher noch keine Antwort gefunden habe. Auch heute früh nicht.

Da Andrej mal wieder Kundendienst sonstwo hat, fuhr er heute nicht nach Moskau, und ich entschied mich für die Elektritschka statt den Express-Bus nach Moskau – geht im Zweifel schneller, und ich kann eine halbe Stunde später aufstehen. Bis zur Bahnstation muss man aber auch Bus fahren, und da die Fahrplanmacher scheinbar davon ausgingen, dass am 8. Februar morgens niemand zur Arbeit muss, fuhr heute eben ein kleiner Bus. In den konnte sich spätestens nach meiner Haltestelle kaum noch jemand reinquetschen, weil er nach deutschen Maßstäben schon absolut überfüllt war, aber es stiegen trotzdem noch einige Leute ein – und dann noch welche und später noch welche, wenn man das denn „Einsteigen“ nennen kann. Nach einer 20-minütigen Fahrt in dieser Sardinenbüchse an der Endhaltestelle (Bahnstation) ging es los: aus der hintersten Ecke des Busses pressten und drückten sich einige mit Gewalt zum einzigen Ausgang, wo die, die im vorderen Teil des Busses zusammengefaltet standen, nach und nach ihre Körperteile auseinandersortierten und ausstiegen. Die Tür ist schmal, die Treppe ist rutschig, alle standen enggedrängt – und dann diese … hmpf… Drängler! Als ob die Bahn, die da gerade kam (und sie war noch nicht mal richtig da) die einzige wäre und man die nun auf Gedeih und Verderb erwischen muss…

Weiter ging es in der Metro: Durch die Schranke kommt man kaum durch, weil vor den Rolltreppen, die nach unten führen, eine Menschentraube steht und wogt. In die muss ich auch jeden Tag rein, und ich versuche immer, genug Abstand zu halten, um meinen Vorderleuten nicht in die Hacken zu treten. Aber da gibt es immer einige, die meinen, dass nur sie es besonders eilig haben, und dann quetschen sie sich an einem vorbei oder knuffen und stoßen einen in den Rücken und in die Seite oder springen einem beim Überklettern von Absprerrungen auf die Füße, ohne Rücksicht auf Verluste. Na und auf dem U-Bahnsteig ist es auch immer das Gleiche: man steht und wartet dort, wo sich dann, wenn der Zug hält, dessen Türen öffnen, und dann stürzen sich manche wie die Geier dort rein, als ginge es nicht um einen Sitzplatz, sondern ums blanke Überleben. Wer da nicht schnell genug aus- oder einsteigt, wird gnadenlos überrannt.

Mein Kollege meinte, das liegt daran, dass zu wenig Züge, Busse, Bahnen fahren und deswegen alle immer Angst haben, dass sie zu spät kommen, wenn sie ausgerechnet diesen Bus oder Zug nicht erwischen. Das stimmt aber nur zum Teil, und im Übrigen ist es im Straßenverkehr ja auch nicht anders: An der Ampel gibt es immer einige, die sich nicht hinten einreihen, sondern sich an den anderen Autos vorbei ganz nach vorne schieben. Dass sie dabei die andere Spur blockieren, ist ihnen wurscht. Und dann können viele auch nicht abwarten, bis es grün wird, und fahren halt schon los, wenn die Ampel für sie noch rot zeigt.

Ich frage mich: Woher kommt diese entsetzliche Ungeduld, die die Leute dermaßen verrückt macht und daran hindert, noch zwei-drei Sekunden auf grünes Licht oder anderthalb Minuten auf die nächste U-Bahn zu warten? Was bringt oder zwingt die Leute dazu, wie eine wildgewordene Hammelherde zu drängeln, zu schieben, zu schubsen? Was ist bloß los, dass die Leute leichtsinnig Unfälle riskieren oder Unmut und böse Worte provozieren, nur um ein bißchen schneller vorwärts zu kommen als alle anderen? Ich versteh das nicht.

rekordverdächtig

Mal ganz am Rande: Heute früh um 7:05 zeigte unser Thermometer -21 Grad an, das ist für diesen Winter bisher Rekord. Mal sehen, ob das noch zu toppen (bzw. zu downen) ist.

Pack die Badehose ein…

…dachte ich mir gestern früh, denn ich habe ein kleines Schwimm-Abo gekauft. Ja. Man geht nämlich hier entweder für teuer Geld schwimmen oder sporteln, wann es einem gerade in den Kram passt, oder man kauft ein Abonnement fürs Schwimmbad oder eine Mitgliedschaft im Fitness-Club, dann wird es langsam erschwinglich. Wie dem auch sei, Manu geht baden äh schwimmen, und zwar ab jetzt öfters. Irgendwas muss man ja für den Rücken und die allgemeine Form tun. Und wie gesagt, hab ich da ein Mini-Abo gekauft in einem Schwimmbad in der Nähe meiner Arbeit, erstmal zum Schnuppern – 1 Stunde 1x pro Woche 4 Wochen lang freitags 13-14 Uhr (meine Mittagspause). Und da es mir gefallen hat (50m-Freiluftbecken mit Wassertemperatur +28 Grad bei Außentemperaturen von -14 Grad – dat dampft!), werde ich wohl regelmäßig gehen, außerdem sind Drei-Monats-Abos günstiger ;).

Bevor man übrigens in Russland in ein Schwimmbad darf, muss man sich einem Gesundheitstest unterziehen. Naja, eigentlich braucht man nur einen Wisch von einem Arzt, der bestätigt, dass man selbst schwimmtauglich ist und da nicht abklappt und dass man für die anderen Benutzer keine Ansteckungsgefahr mit irgendeiner Maul- und Klauenseuche darstellt. Der Wisch kostet natürlich Geld, und man kann ihn notfalls – wenn man das will – auch irgendwo einfach ohne Untersuchung kaufen (genauso wie den TÜV, Universitätsdiplome etc.). Ich hab mich aber anschauen lassen, die Frau Doktor war sogar erstaunlich nett und hat mir also für sechs Monate eine „Schwimmbadzulassung“ ausgestellt.

Merkwürdig ist übrigens noch was anderes, das ist mir erst jetzt aufgefallen:
Auf dem Aushang im Schwimmbad steht: kostet soundsoviel pro Stunde.
In meiner Benutzerkarte steht: Fr. (13:00-13:45).
Auf dem Kassenzettel steht: 4 Besuche; Fr (13:00-13:30).

Wie unterschiedlich lang doch eine Stunde sein kann… Preisfrage: wie viele Minuten darf ich also nun freitags zwischen eins und zwei tatsächlich schwimmen?