Brandgeruch

… ist derzeit irgendwie allgegenwärtig, weil nämlich irgendwie jeder in unserem Kaff das Laub vom vorigen Jahr, das er in seinem Garten oder vorm Haus zusammengeharkt hat, zu einem schönen Haufen zusammenträgt und den kurzerhand anzündet. Und zwar meistens so, dass die oberste Schicht ein bisschen brennt und der Haufen aber dann, wenn oben alles weg ist, einfach nur ein wenig vor sich hinschwelt und dabei mächtig qualmt und mieft. Und so geht das jetzt schon eine Woche lang: Frühjahrsputz lässt grüßen. Und alles, was man nebenbei auch noch loswerden möchte, aber aus Bequemlichkeit nicht bis zum Müllplatz tragen will, kommt auch auf den Scheiterhaufen drauf. So hängt nun wieder wie jedes Jahr im ganzen Ort ein Dunst- und Rauchschleier, der in die Augen beißt und im Hals kratzt. Ich versteh das nicht – die Leute vergiften sich doch quasi selber… und uns nebenbei natürlich auch. Deswegen haben wir trotz herrlichem Frühlingswetter die Fenster tagsüber geschlossen, damit wenigstens die Wohnung sich nicht in eine Räucherkammer verwandelt.

In diesem Zusammenhang fällt mir übrigens ein, was Andrej heute früh aus der kostenlosen Zeitung vorgelesen hat, die wir immer mal in unserem Briefkasten vorfinden: Für den ganzen Ort Staraja Kupavna mit seinen um die 23.000 Einwohnern gibt es ein einziges Feuerwehrauto. Baujahr 1975 übrigens. Dürfte ungefähr so aussehen:

Feuerwehr ZIL 131
Foto aus dem Archiv von Pavel Veselov http://denisovets.narod.ru

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alte Autos

Gestern nach der Arbeit haben Andrej und ich uns mit Sveta und ihrem Andrej getroffen, das sind sehr gute und liebe Freunde von uns. Svetas Andrej ist seit kurzem stolzer Besitzer eines VW Passat, um die zehn oder zwölf Jahre alt und in einem sehr gepflegten Zustand. Wir haben uns sehr für die beiden gefreut, auch weil sie das gute Stück relativ günstig erworben haben. Mir tut nun allerdings mein Andrej immer mehr leid, der sich am Freitag, dann das ganze Wochenende und noch Montag und Dienstag wieder mal mit unserem alten Wolga herumplagen musste. Der wollte nämlich absolut nicht mehr anspringen. Andrej hat ihn hingekriegt, nachdem er am Montag endlich das nötige Ersatzteil in Moskau auftreiben konnte. Das haben wir am Samstag erfolglos in Ersatzteilgeschäften in unserer Nähe gesucht (wobei Nähe heißt, dass wir am Samstag per Bus und zu Fuß ewig unterwegs waren), woraufhin Andrej selber ein Provisorium bastelte, das zwar passte, aber nach drei geglückten Startversuchen dann doch seinen Geist aufgab.

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Wäre das die einzige Reparatur innerhalb einer gewissen Zeit, würde ja keiner was sagen, denn an sich dient uns unser Autochen ja ganz gut. Aber es ist halt dauernd irgendwas – seit letztem September die Defekte, an die ich mich erinnere: Auspuffschalldämpfer hinüber, Bremsdruck stimmt nicht, Zündkerzengewinde hin, irgendwo läuft unkontrolliert Öl raus, Relais vom Scheibenwischer kaputt, rechtes Bremslicht geht nicht, Zahnrad im Motorblock gebrochen, dann der Starter jetzt, und nebenbei hat Andrej gleich noch eine Scheibe im Kupplungsgetriebe ausgewechselt, damit er nicht in ein-zwei Monaten wieder alles aufschrauben muss. So. Und dabei habe ich noch nicht erwähnt, dass unser Auto auch von außen in einem recht bedauernswerten Zustand ist und Andrej demnächst beide Kotflügel austauschen und dem ganzen Gefährt einen neuen Anstrich verpassen wird. Und nun ist da dieser VW Passat, fast genau so alt wie unser Wolga – und dem fehlt nichts… der hat keinen Rostfleck und auch sonst keine Macken und fährt sich prima. Andrej hat es so satt, sich alle Nase lang mal wieder mit unserem Auto herumzuquälen. Und ich kann ihn sooo gut verstehen… und ich weiß, wovon er träumt, seit wir letztes Jahr in Deutschland mal einen Tag lang einen kleinen Opel als Mietwagen hatten…

der Rubel rollt – oder auch nicht

Gestern, als ich so ein wenig durch die gesetzgeberischen Neuerungen des letzten Monats stöberte, um unser monatliches Informationsblatt zum russischen Recht zusammenzubasteln, stieß ich auf die Meldung, dass der Präsident einen „Erlass zur Änderung der allgemeinen Prinzipien des dienstlichen Verhaltens von Staatsbediensteten“ herausgegeben hat. Dieser Erlass fordert die Beamten dazu auf, bei öffentlichen Auftritten, auch in den Medien, den Wert von Geldbeträgen, die sich auf Waren, Dienstleistungen etc. in Russland oder rein-russische Rechtsgeschäfte beziehen, nicht in ausländischer Währung anzugeben, sofern das nicht gesetzlich vorgesehen oder zur genauen Angabe der Summe erforderlich ist. Diese Maßnahme soll vorrangig das Vertrauen der Bevölkerung in die einheimische Währung stärken.

rubel-kl.jpgErst fand ich das irgendwie blödsinnig. Als ob der Nichtgebrauch der Bezeichnungen „Dollar“ und „Euro“ irgendeinen Einfluss darauf hat, wie sich der Rubel und die allgemeine Einstellung zu ihm entwickelt. Andererseits ist es schon komisch, wenn in Russland Preise oder Lohn – wie das immer noch weit verbreitet ist – in Dollar oder in sogenannten bedingten – sprich: an den Währungskurs geknüpften – Einheiten (uslovnye jedinitsy, abgekürzt y.e.) angegeben werden und manche Sachen auch in Dollar bezahlt werden – z.B. bekommen viele „grauen Lohn“: eine kleinen Teil offiziell und versteuert in Rubel, den Rest in Dollar in einem Briefumschlag. Wahrscheinlich gibt es deswegen in Moskau auf Schritt und Tritt Umtauschpunkte, und die Russen, die ein Bankkonto haben, haben meistens eins für Rubel und eins für Dollar oder Euro oder beides. Gespart wird immer noch hauptsächlich in „stabiler“ ausländischer Währung, obwohl der Rubel seit Juli 2006 frei konvertierbar ist.

Zum Thema Bankkonto auch noch ein paar interessante Fakten: Nach der Krise 1998, in der viele Banken in Russland pleite gingen und viele Russen ihre Ersparnisse verloren, ist man Banken gegenüber immer noch sehr skeptisch. Laut einer Umfrage vom Sommer 2006 haben nur 32% der Bevölkerung in Russland Bankkonten oder Spareinlagen. Von den verbleibenden 68% nutzen 27% (das sind 18% der Gesamtbevölkerung) Bankdienstleistungen für Bezahlung von Nebenkosten oder Telefongebühren, für Verbraucherkredite oder Überweisungen an Dritte. Gut die Hälfte aller Russen verzichtet also ganz auf Bankdienstleistungen. Außerdem waren 52% aller Befragten der Meinung, dass es riskant sei, sein Geld den Banken anzuvertrauen. Ich finde das Bankensystem in Russland übrigens auch reichlich kompliziert und unbequem, schon weil damit wieder ein Haufen Papierkram verbunden ist. Aber ich hab meine paar Rubel dann doch lieber auf einem Konto als im Sparstrumpf zu Hause.

Ketzerei

Hab grad einen kleinen ICQ-Plausch mit meiner Freundin Olga aus Krasnojarsk, die mittlerweile in der Türkei wohnt und arbeitet. Im Prinzip müsste ich die gesamte Konversation wiedergeben oder einiges erklären, damit der Zusammenhang verständlich wird, aber ich greife nur mal den Satz raus, der mir so gefallen hat: 

Olga (01:06 PM) : nu, manu… ne pridirajsya k slovam. konechno ty ne peredelyvaesh. no zhelezo zhelezo ostrit, napisano potomu chto. a myslit zdravo pri vere ot vsego serdtsa – vo vse vremena i bylo eretichestvom…  🙂

„Gesunder Menschenverstand zusammen mit Glauben von ganzem Herzen war immer schon Ketzerei.“

Miesmache?

Hm, ich habe festgestellt, dass ich in letzter Zeit viel Negativberichterstattung betreibe… das tut mir leid, aber das sind nun mal Sachen, die mir hier auffallen und mich beschäftigen. Ich hätte da ja noch was, aber das lasse ich erst mal aus. Jetzt aus Prinzip ein paar angenehme Dinge, die mir spontan in den Sinn kommen: (mal nachdenken… ach nee, spontan!):

  • Die Sonne scheint, wir haben 13 Grad, der olle Dreckschneematsch ist ratz-fatz innerhalb einer Woche weggetaut, es ist sehr zeitig Frühling! (Davon kriegt man(u) nur eben nicht so viel mit im Büro mit dem Rücken zur Wand).
  • Der Kaffee heute war sehr lecker (und ich wollte doch eigentlich gar keinen trinken).
  • Die alte E. hat gemailt – und ihr gehts wieder gut.
  • Wir haben einen Lieblingssupermarkt auf dem Heimweg, wo man auch spätabends, nachts und rund um die Uhr einkaufen kann (arme Kassiererinnen), z.B. Brötchen, die fast wie deutsche Brötchen schmecken, guten Orangensaft und frisches Obst und Gemüse, tiefgefrorenen Brokkoli, Frischkäse, Leberwurst…
  • Der Urlaub rückt näher (Heimat, wir kommen)!
  • Wirklich nette Kollegen habe ich, das muss man auch mal sagen.
  • Die Datscha-Pläne werden konkreter. (Hab ich davon eigentlich schon mal erzählt? Außer nur ganz, ganz kurz?)
  • Ich mache mir gerade üüüüüberhaupt keine Sorgen, obwohl ich genug Anlass hätte. Ein irre gutes Gefühl. 
  • Das hab ich neulich, am Montag, gesehen auf meinem unendlichen Weg ins Arbeitsamt (denn meine Arbeitserlaubnis muss ja verlängert werden, bis Ende Juli, und da sollte man schon mal anfangen – ist das jetzt wieder Miesmache?) – das ist der Sockel vom Gribojedov-Denkmal an der Metrostation „Turgenjevskaja“ – und die Blume is‘ echt:

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traurig

Schon wieder häufen sich die Katastrophen in Russland, es ist zum Heulen. Erst am Wochenende verunglückte ein Flugzeug bei der Landung in Samara – es kam bei schlechtem Wetter und dichtem Nebel vor der Landbahn auf der Erde auf, blieb mit einem Flügel hängen und zerbrach. An Bord waren nur 57 Menschen einschließlich Besatzung, 6 kamen ums Leben. Und die Schuld wurde von offizieller Seite gleich erstmal dem Piloten angelastet, das macht man hierzulande gern. Dass bei diesem alten Flugzeug die entscheidenen Instrumente schon mal ausgefallen waren und von den  Fluglotsen unten im Tower keine Warnung über die zu geringe Höhe und die Kursabweichung kam, wurde nur nebenbei erwähnt. Im vergangenen Jahr gab es mindestens zwei weitere Flugzeugunglücke (in der Nähe von Adler, als der Pilot eine Gewitterfront zu überfliegen versuchte, weil für einen Umweg der Sprit nicht reichte, und in Irkutsk, wo der Flieger über die Landebahn hinaus in einen anliegenden Garagenkomplex raste), und auch da wurden die Piloten für schuldig befunden.

Gestern Morgen starben bei einem Grubenunglück im Bezirk Kemerovo um die 100 Bergleute, 93 wurden gerettet, ca. 30 werden noch vermisst. Irgendwas ist da eingestürzt, woraufhin eine Methanwolke in den Schacht kam, die dann eine heftige Explosion ausgelöst hat. Und auch das kommt in den letzten Jahren mit erschreckender Regelmäßigkeit vor.

Heute Nacht nun ist in der Region Krasnodar ein Altenheim ausgebrannt, von 97 Bewohnern und Betreuern kamen 63 ums Leben. Auch das bei weitem kein Einzelfall. Erst im Dezember brannten an einem Tag gleich drei soziale Einrichtungen – zuerst im Bezirk Tverj ein Internat für psychisch kranke Kinder mit 300 Personen (zum Glück ohne Opfer), dann eine Klinik für psychisch Kranke mit 235 Insassen und 7 Betreuern im Bezirk Kemerovo (9 Tote), zuletzt eine Drogenklinik für Frauen in Moskau, in der dank vergitterter Fenstern und Türen 45 Frauen starben.

Jedes Mal, nachdem wieder so etwas schreckliches passiert ist, gibt es einen Riesenrummel – es werden Untersuchungskommissionen gebildet, man verspricht den Opfern und Angehörigen Kompensationszahlungen und kündigt strenge Maßnahmen an. Bis zum nächsten traurigen Vorfall. Die Kommissionen mögen sogar gewisse Mängel anderswo finden und aufdecken – aber die tatsächlich ergriffenen Maßnahmen, so scheint es, sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind. Wer will schon Geld in alte Flugzeuge investieren, die innerrussisch verkehren, wer will den Schwarzhandel mit billigen und runderneuerten Ersatzteilen unterbinden, wer will die Betreibern der Bergwerke, die bestimmt gute Schmiergelder zahlen, zur Einhaltung der Arbeitsschutzvorschriften zwingen, und wer kümmert sich denn wirklich um die Alten, Behinderten und Kranken hier in Russland???

Demokratie auf russisch

Endlich sind sie vorbei, die Parlamentswahlen in 14 russischen Regionen, darunter auch im Moskauer Umland. Ich kann sie schon nicht mehr hören oder lesen, die ewigen Versprechungen und Losungen. Das betrifft vor allem die Partei „Einiges Russland“ (Jedinaja Rossija), die sogenannte Präsidentenpartei. Putin ist zwar nicht Mitglied, aber seit er öffentlich seine Sympathien für diese Partei bekundet hat, gewinnt die haushoch jede Wahl, ob nun in der Staatsduma oder den Regionalparlamenten.  

Die Begleiterscheinungen von Wahlen sind wahrscheinlich überall gleich lästig – auf Schritt und Tritt hängen Plakate rum, der Briefkasten läuft über, das Volk wird nur mehr als Elektorat bezeichnet, und die Nachrichten berichten von nichts anderem. Merkwürdig ist allerdings schon, wie unproportional das hier alles ist –  Jedinaja Rossija dominiert überall, von den anderen Parteien kriegt man relativ wenig mit. Ausnahme ist vielleicht noch „Gerechtes Russland“ (Spravedlivaja Rossija), zu dem sich vor kurzem drei Parteien zusammengeschlossen haben und über das sich der Präsident auch mal zustimmend geäußert hat. Irgendwie muss man ja einen Ausgleich zum Einseitigen Russland schaffen… und wenigstens in einer Region, in Stavropol, hat die neue Partei sogar die Wahlen gewonnen.

Einiges RusslandWie dem auch sei: „Für eine verantwortungsvolle Macht“ hieß es auf den Wahlplakaten mit dem Bildnis des einig-russischen Gouverneurs des Moskauer Umlandes – gegen Korruption und Korrumption. Ja Moment mal – die Jedinorossy sind doch schon an der Macht gewesen… ist das vielleicht ein Eingeständnis? „Für ein würdiges Leben“ hieß es weiter – fragt sich für wen. Denn für die Bevölkerung ändert sich im Großen und Ganzen nichts (außer vielleicht den Nebenkosten für die Wohnung, den Telefongebühren, den Preisen für öffentlichen Nahverkehr – das Lebens[kosten]niveau steigt in der Tat). „Unsere Priorität – erschwinglicher Wohnraum“. Auch da fragt sich für wen – vielleicht für Moskaus  Elite, die im Umland fleißig ihre Villen und Cottages und Club-Siedlungen baut (oft in Naturschutzgebieten, aber wen interessiert das schon).

Natürlich wurde und wird überall darüber gesprochen, dass die Regionalwahlen quasi die Generalprobe für die Duma-Wahlen waren und man an deren Ausgang ungefähr abschätzen kann, wie die Parteien dann auch im Dezember abschneiden werden. Aber man braucht kein Prophet sein, um den eindeutigen Sieg des „Einigen Russlands“ vorauszusagen. Interessant ist in diesem Zusammenhang noch eine andere Sache: Der langjährige Vorsitzende der Zentralen Wahlkommission, Aleksandr Veshnjakov, wurde relativ unverhofft aus dem Amt entlassen. Scheinbar hat es jemandem nicht gepasst, dass er sich im Herbst vorigen Jahres sehr energisch gegen die von „Einiges Russland“ eingebrachten Änderungsvorschläge zu den geltenden Wahlgesetze ausgesprochen hatte. Zum Beispiel wurde der Punkt abgeschafft, der eine gewisse Mindest-Wahlbeteiligung vorsah. Das heißt, dass Wahlen jetzt in jedem Fall als gültig angesehen werden, auch wenn nur drei Leutchen dran teilgenommen haben. Veshnjakov hatte Befürchtungen geäußert, dass u.U. wie zu Sowjetzeiten „Wahlen ohne Wahlen“ stattfinden werden – also Wahlen, die keine sind. Und ich meine, dass diese Befürchtung nicht ganz unbegründet ist – auch für die Präsidentschaftswahlen 2008. Zwar weigert sich Putin, einen potentiellen Nachfolger bekanntzugeben, mit dem Argument, der Präsident werde gewählt, aber er behält sich doch vor, im Wahlkampf eine „Empfehlung“ abzugeben. Wenn man sich erinnert – Putin wurde seinerzeit auch von Jelzin erst mal als „Kommissarischer Präsident“ eingesetzt und dann per Wahl „bestätigt“…