denk mal

Ich hatte schon mal kurz was dazu geschireben, aber allmählich geht mir ja das Theater um den Bronze-Soldaten in Tallin ganz schön auf den Keks. Als ob Russland und Estland sonst keine Probleme hätten… nein, da müssen sie sich um ein Denkmal streiten. Und wer hat nun Recht? Beide. Keiner.

Russland besteht darauf, dass die sowjetische Armee im 2. Weltkrieg die von den Faschisten okkupierten Gebiete im Osten Europas befreit hat. Das stimmt, daran gibt es nichts zu rütteln. Dass Estland die Befreier seinerseits wiederum als Okkupanten betrachtet hat – und das vielleicht aus ihrer Sicht auch nicht ganz zu unrecht – muss man aber eben auch stehen lassen, denn die Baltikstaaten wollten nun mal nicht zur Sowjetunion gehören. Und da stellt sich nun die Frage, wer der größere Schuft war – Hitler oder Stalin. Für manche Esten war die Besetzung durch die deutsche Wehrmacht das kleinere Übel gegenüber der Zwangsangliederung an die Sowjetunion. Damit kann sich nun Russland wieder nicht abfinden und kreidet den Balten an, sie würden Geschichte umschreiben wollen und die sowjetischen Soldaten, die im Kampf gegen die Faschisten gefallen sind, als die eigentlichen „Bösen“ ansehen und ihnen das ehrwürdige Andenken verweigern. Estland ist ein souveräner Staat und kann auf seinem Territorium im Prinzip tun und lassen, was es will, auch Soldatengräber ausbuddeln und Denkmäler umsetzen. Die ganze Art und Weise, in der das passiert, ist aber eindeutig auf eine Provokation Russlands angelegt, noch dazu, wo der hier immer groß gefeierte Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg unmittelbar bevor steht.

So. Und nun bringt das kleine Estland, auf den Russland sonst eher herablassend schaut, den großen Nachbarn in Rage. Und durch die überzogenen Reaktionen auf die estnischen Provokationen bugsiert Russland sich politisch wieder ins Abseits und schafft es, dass die Weltöffentlichkeit nicht die dummen Handlungen der estnischen Seite kritisiert, sondern die genauso dummen Handlungen der russischen Seite. War das der gewünschte Effekt? Sicher nicht. Aber nun kann sich Russland wieder in seine Schmollecke zurückziehen und sich und seinen Bürgern sagen: „Da siehste wieder, der böse Westen kann uns einfach nicht leiden.“ Mit ein wenig mehr Gelassenheit würde Russland meiner bescheidenen Meinung nach in der internationalen Politik viiiel besser dastehen. Das heißt nicht, dass Russland sich alles gefallen lassen soll, aber wer sich als König fühlt und ausgibt, sollte sich schon auch königlich benehmen, sonst macht er sich nur unbeliebt und lächerlich. In Adelskreisen löst man seine Probleme etwas delikater und nicht so, dass es die ganze Nachbarschaft mitbekommt.

Wenn also – wie in diesem Fall – ein kleiner estnischer Floh den russischen Bären in den Hintern beißt, wäre es der „königlichen Würde“ wohl eher angemessen, dass der Bär sich ein wenig kratzt und dann in aller Stille versucht, sich den Floh irgendwie vom Halse zu schaffen, als dass der Bär tobt und brüllt und durch den ganzen Wald schreit, dass ihn da ein Floh in den Hintern beißt. Der Floh wird berühmt, freut sich, dass er den Bären so aus der Fassung bringen konnte und kriegt bei Gelegenheit aber mal mächtig eins gewischt. Und der Bär wird als ewiger Unruhestifter abgestempelt. Prima.

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