noch mehr Gewirr

Hier – weil wir gerade beim Thema sind – noch eine Sache, die man verwirrend finden könnte: Gestern Abend hat mein Schwiegervater von dem neuen Nebenjob erzählt, den meine Schwiegermutter jetzt macht – sie arbeitet tageweise als Concierge. (Da ich verwirrenderweise schon seit mehreren Tag nicht auf die Wiki-Seite zugreifen kann, kurz erläutert: Das ist jemand, der im Eingangsbereich eines Hauses sitzt und aufpasst, wer da so kommt und geht. Man könnte wohl auch Pförtner sagen.) Jedenfalls hat sie da eine 24-Stunden-Schicht und dann drei Tage frei, an denen andere Damen da sitzen und gucken, wer kommt und geht, auch mal den Türöffner betätigen etc. Eigentlich ist das eine ganz nette Tätigkeit für Renter, denn man hat da sein kleines Kabüffchen mit Waschgelegenheit, Wasserkocher, Liege und Fernseher, und körperlich anstrengend ist das nicht. Fragt sich nur, wieviel Sinn so ein Concierge macht, denn ob sich die Sicherheit nun dadurch merklich erhöht, dass da jemand sitzt, halte ich für zweifelhaft. Schließlich kann man sich bei 60 Wohnungen in einem Aufgang nicht merken, wer da zur Familie gehört, und ob der, der da sagt, dass er zur Wohnung 52 will, wo die Klingel nicht funktioniert, da auch wirklich hinwill… nun ja.

Aber zurück zum Ausgangspunkt: Einen Tag arbeitet sie, drei Tage hat sie frei, da arbeiten also auch noch andere Leute. Und da erzählte also mein Schwiegervater: „Die haben da vier Concierges und drei Chefs.“ Kurze Pause, dann haben wir alle erst mal laut gelacht. Aber er meinte es ganz ernst. Daraufhin haben wir überlegt, was die Chefs wohl machen und ob sie wohl die Concierges da beaufsichtigen oder wie man sich das vorstellen muss. Und interessant wäre auch, wie sie die Untergebenen unter sich aufteilen – hat jeder 1,333 Concierges oder hat einer vielleicht 2 und ist damit der Oberchef?

Das klingt zwar alles ganz amüsant, aber wenn man sich überlegt, dass das mit den drei Chefs und vier Angestellten hier in vielen Unternehmen wirklich so ist, kann einem schon bissel flau werden. Alle wollen gern Chefs sein, „natschalnik“ heißt das hier oder „rukovoditjel„. Und so gibt es in manchen Firmen x Unterabteilungen, die zum Teil gerade mal aus zwei Leuten bestehen, von denen einer der Abteilungsleiter ist und einer der Stellvertretende Abteilungsleiter. Das klingt doch gleich ganz anderes als nur Sachbearbeiter oder sogar nur Angestellter. Und überhaupt legt man hier sehr viel wert auf tolle Stellenbezeichnungen – eben die schon erwähnten Leiter und ihre ersten oder auch zweiten Stellvertreter (auf hoher Ebene wird’s vorgemacht, wie das geht). Auch Manager findet man auf Schritt und Tritt (so sind z.B. einfache Verkäufer gern „menedzher po prodazham“, also Verkaufsmanager, und ich habe auch schon von „menedzher po chistke pomeshenij“ gehört, also von Managern für die Innenraumreinigung, zu deutsch Putzfrau). Und Merchandiser oder Distributor nennen sich manchmal die Leute, die die Regale in den Supermärkten einräumen… und ganz toll finde ich auch, wenn ich in ein beliebiges von den vielen Finanzämtern der Stadt Moskau gehe und an den Fenstern, hinter denen blutjunge Mädels oder Jungs sitzen und die Steuererklärungen entgegennehmen, dann solche Amtsbezeichnung wie „Spezialist für …“ oder „Senior-Spezilist für …“ lese. Aber was anderes als Chefs und deren Stellvertreter und Spezialisten und Experten jeder Art und Güte gibt es nun mal in russischen Behörden kaum.

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