Oligarchenlotto

Kaum ist ein wenig Gras über den Fall der Ölfirma „Jukos“ und die Verurteilung ihres Chefs Michail Chodorkovskij wegen angeblichen Betrugs und Steuerhinterziehung in Milliardenhöhe gewachsen, könnte nun in ähnlicher Weise mit der Ölfirma „Russneft“ und ihrem Chef Michail Guzerijev verfahren werden. Dabei hatte sich letzterer anders als Khodorkovskij auf Druck von oben (und in Gedenken an das Schicksal von Jukos) zähneknirschend bereit erklärt, sein Unternehmen weit unter Wert zunächst an einen der kremltreuen Oligarchen, den Chef des Aliuminium-Konzerns „Rus-Al“ Oleg Deripaska zu verkaufen, der es gerüchteweise anschließend an den staatlichen Ölkonzern „Rosneft“ abtreten sollte. Dazu wird es nun offensichtlich – zumindest in dieser Form – nicht mehr kommen, man wird wohl andere, womöglich billigere Wege finden, sich „Russneft“ unter den Nagel zu reißen. Das Oligarchenlotto geht weiter – hier sind noch ein paar Kandidaten.

Jeden Tag anders…

… sieht unser Häuschen aus, wenn ich abends heimkomme. Bisher waren die Veränderungen von außen weit weniger sichtbar (Fundament befestigt, Fußböden und Decken isoliert und neu gemacht, Kanalisationsgrube ausgehoben). Seit voriger Woche war die verglaste Fensterfront unserer ehemaligen Terrasse weg, die ehemalige Eingangstür stand einsam in der Gegend rum. Seit zwei Tagen ist sie nun weg, der neue Eingangsbereich ist zwei Meter weiter rechts und mit einer schönen neuen Tür versehen (und ich renne morgens dauernd dran vorbei, weil ich noch die alte Tür gewöhnt bin). Gestern wurde die gesamte Vorderfront zugemacht, unser zukünftiges Wohnzimmer ist bald bezugsfertig, und ich bin schon gespannt, was mich heute erwartet. Hätte ich nur mal die Verwandlung unseres Häuschens mit dem Fotoapparat festgehalten…

Soldaten hier und da

Gestern las ich in einer deutschen Tageszeitung über die Urteile, die gegen zwei Bundeswehrausbilder wegen Misshandlung von Rekruten in Coesfeld verkündet wurden. Die Schilderung der Soldaten klingt in der Tat nicht so angenehm – Stiefel unter empfindliche Stellen geschoben bekommen, mit Kübelspritze nass gemacht, Sand ins Hemd gekippt gekriegt, geschlagen worden, leichten Stromschläge ausgesetzt.

Heute las ich in einer russischen Tageszeitung, dass der Soldat Sergej Sinkonen, der vor fast zwei Wochen zusammen mit einem anderen Soldaten in Plesezk von zwei Ausbildungsoffizieren krankenhausreif geprügelt worden und ins Koma gefallen war, an seinen Verletzungen gestorben ist. Er ist bei weitem nicht das einzige Opfer sogenannter „djedovshina“ in der russischen Armee:

  • März 2004 – in Sofrino in der Region Moskau verpasst ein unzufriedener Offizier dem Wehrdienstleistenden Alexander Kusnezov einen Faustschlag in die Brustgegend. Infolge des schweren Schlages kommt es zum Herzstillstand, der Soldat stirbt.
  • 16.08.2005 – bei einer nächtlichen Übung im Gebiet Kemerovo prügelt einer der Offiziere vier jüngere Soldaten. Einer von ihnen, Maxim Ljakhovski, wehrt sich. Der Offizier schlägt ihm zunächst mehrfach den Kolben der MP über den Kopf und schießt ihm anschließend in den Kopf.
  • 01.01.2006 – Andrey Sytchov, Soldat in der Tscheljabinsker Panzereinheit, wird in der Neujahrsnacht für Stunden auf einem Stuhl festgebunden, geprügelt und getreten. Ihm müssen im Krankenhaus beide Beine und die Geschlechtsorgane amputiert werden.
  • 11.08.2006 – Dmitrij Pantelejev kehrt nach einem eigenmächtigen „Ausflug“ angetrunken in seine Kaserne in Lukhovzy, Moskauer Gebiet, zurück. Der Kommandeur der Kompanie statuiert ein Exempel und verprügelt den Soldaten wegen des Verstoßes. Der Soldat stirbt im Krankenhaus an seinen Verletzungen.
  • 06.10. 2006 – Andrey Rudenko, der seinen Wehrdienst in Tchita ableistete, wird von seinem Kommandeur für 35.000 Rubel an einen örtlichen Geschäftsmann „verkauft“. Infolge eines Unfalls auf seiner neuen „Arbeit“ wurde ihm ein Bein amputiert, er erlitt einen Schädelbruch, verlor fast alle Zähne und ist auf einem Auge fast blind.
  • März 2007 – auf dem Grenzschutzschiff „Ivan Lednev“ erhängt sich Matrose Anton Kovalev nach wiederholten Misshandlungen durch ältere Matrosen.

Das sind nur einige der publik gewordenen Fälle (Quelle: NTV-News). Die meisten, vor allem die ohne „richtig“ schwerwiegende Folgen, werden jedoch gar nicht bekannt. Es ist kein Geheimnis, dass viele  junge Männer jedes Schlupfloch suchen, um um den Wehrdienst herumzukommen. Der ist auch so schon nicht attraktiv – bis vor kurzem dauerte er zwei Jahre, meist müssen die Soldaten irgendwo fern der Heimat ihren Dienst ableisten, das Essen ist schlecht, Urlaube und Besuche sind selten, es gibt keine oder minimale Bezahlung. Das wäre alles erträglich, aber die Aussicht auf ständige Erniedrigungen und die Option, als Krüppel heim zu kommen, ist es nicht. Das Geschäft des „Freikaufens“ vom Wehrdienst boomt. Wen wundert es?

Sein oder Nichtsein

Ich bin gerade beim Auswerten der Gesetzgebungsneuigkeiten für August und im Schreiben zu den lokalen Moskauer Rechtsakten auf die Verordnung der Regierung von Moskau Nr. 631-PP vom 31. Juli 2007 „Über die Festlegung der Höhe des Existenzminimums in der Stadt Moskau für das II. Quartal 2007“ gestoßen:

„Die Höhe des Existenzminimums in der Stadt Moskau für das II. Quartal 2007 wird in folgender Höhe festgelegt: 5.722 Rubel pro Einwohner; für die arbeitsfähige Bevölkerung – 6.533 Rubel; für Rentner – 3.967 Rubel; für Kinder – 4.936 Rubel.“

Die Zahlen sind natürlich ein Witz – wer sich die Mühe macht und mal durch 35,0773 teilt, erfährt, wieviel das zum morgigen Kurs in Euro ist bei einem Preisniveau, das dem in Deutschland nicht groß  nachsteht. Iich weiß – ehrlich gesagt – nicht, wie die Herren und Damen Abgeordneten mit ihren fetten Visagen und in ihren dicken Limousinen darauf kommen, dass man mit solchen Beträgen einen Monat lang überleben könnte.  Die werden anhand eines fiktiven Warenkorbes errechnet, ich müsste direkt mal nachgucken, was da alles rein gehört. Die Inflation und die dadurch dauernd kletternden Preise auch für das Grundsortiment an Nahrungsmitteln sind da schön ausgeklammert. Außerdem finde ich es komisch, dass das Existenzminimum rückwirkend für das zweite Quartal festgelegt wird. Wozu? Nur für die Statistik? Denn Renten etc. werden garantiert nicht rückwirkend angehoben. Und was mir absolut nicht in den Kopf will – warum beträgt denn das Existenzminimum von Rentnern gerade mal 60% der Summe, die der arbeitsfähigen (nicht der arbeitenden) Bevölkerung zum Überleben zugestanden wird, und nur 80% der Summe, die ein Kind benötigt? Wie das gerechtfertigt wird, ist mir völlig schleierhaft – dürfen die Senioren denn weniger essen als Kinder oder sollen sie mit trocken Brot und billigen Makkaroni über die Runden kommen? Ich versteh das nicht.

rundum Rauch

Es ist mal wieder Wald- und Torfbrandzeit, wie auch das Moskau-Blog meldet. Im Zentrum von Moskau ist die Luft bisher nur vom üblichen Auto- und Industriemief gefüllt, aber als ich vorhin  am südlichen Stadtrand aus der Metro stieg, hatte ich gleich den Brandgeruch in der Nase, der über den Feldern liegt. Morgens war der Rauch so dicht, dass es mehrere schlimme Autounfälle gab, laut Nachrichten u.a. einen mit 35 Unfallfahrzeugen und 4 Toten auf der Autobahn M4 Richtung Süden. Schuld an den Bränden sind in der Regel Leute, die auch zur sommerlichen Trockenzeit im Wald Picknicks mit Lagerfeuer oder Grills veranstalten oder ihre Zigarettenkippen aus dem offenen Autofenster werfen. Und das wiederholt sich Jahr für Jahr…

Eigentlich könnte ich ja nun wieder mal was schreiben.

Und das mache ich auch glatt. In den vergangenen vier Tagen war ich zu einem Kurzbesuch in Deutschland, um mal wieder ein Visum zu beantragen. Diesmal ist es kein Geschäftsvisum, sondern ein Arbeitsvisum. Das heißt, ich muss nicht befürchten, unter die neue „Nur 90 Tage Aufenthalt pro 180 Tage“-Regelung zu fallen, und ich muss nun wohl auch nicht mehr alle halbe Jahre einen lästigen Grenzübertritt veranstalten, um mich anschließend neu zu registrieren. Und – wenn ich das richtig verstanden habe – das Arbeitsvisum kann nach Ablauf vor Ort verlängert werden. So Gott will, war das also vielleicht meine letzte Visa-Tour.

Schön wäre es, denn obwohl das russische Generalkonsulat in München (Adresse: Seidlstraße 28) alles reibungslos erledigt hat, war es doch mal wieder ziemlich anstrengend: Auf der Strecke München-Passau ist zwischen Landshut und Wörth Schienenersatzverkehr. Das bedeutet, dass man auf dieser Strecke statt null oder ein Mal nun zwei oder drei Mal umsteigen muss. Die einfache Fahrt verlängert sich von 2:20 auf 3 Stunden und länger. Und da der freundliche Konsulatsmitarbeiter trotz meiner freundlichen Bitte nicht so freundlich war, mir mein Visum am Tag der Beantragung auszustellen („Sie fliegen doch erst am Mittwoch, da können Sie das Visum morgen – Dienstag – abholen.“), durfte ich die Hin- und Herfahrt an zwei Tagen hintereinander machen – ächzend und schniefend, weil ich es doch tatsächlich geschafft hatte, mir auf dem Flug eine dicke Erkältung einzufangen…

Apropos Flug: Ich saß neben einem älteren russischen Ehepaar, und da ich nett gegrüßt hatte, als ich mich setzte, kamen wir dann auch ein wenig ins Gespräch. In dessen Verlauf fragte der Mann auch nach dem Wohin und Woher und wollte mir absolut nicht glauben, dass ich Deutsche bin: „Für eine Deutsche sprechen Sie viel zu gut russisch.“ Das sollte mich eigentlich freuen (tut es auch, logo), ist ja ein prima Kompliment. Andererseits stelle ich fest, das man als Ausländer, der eine Sprache „zu gut“ kann, auch ungeahnten Problemen gegenüber steht, denn wenn man eine Sprache spricht, heißt das nicht automatisch, dass man auch alle Feinheiten von Kultur, Tradition und lokal üblichen Verhaltensweisen beherrscht… und so kommt es, dass man(u) nun manchmal komisch angeguckt wird, wenn man zwar russisch spricht, aber sich „unrussisch“ benimmt. Spräche man mit deutlich hörbarem Akzent, würde einem das unrussische Verhalten freundlich verziehen werden – man ist ja nur ein dummer Ausländer. Aber so wird man eben nicht als Ausländer wahrgenommen und hat als „untypischer Russe“ dadurch manchmal ein Problem.

wieder „auf Draht“

Es hat ein wenig gedauert, bis mein Compi in der neuen Firma für mich freigeschaltet wurde, aber nun ist es soweit – ich bin wieder online. Zwar (aus Sicherheitsgründen) mit Einschränkungen, also kein ICQ, keine Mail-Server, kein Ebay und so, aber in WordPress und mein geliebtes Forum komm ich rein, das ist doch exzellent.

An dieser Stelle winke  ich übrigens mal zu Frau Antonmann herüber – nächste Woche geht die versprochene Post auf die Reise 🙂 Und jetzt muss ich erst mal ein wenig Lesevergnügen in Ihrem Blog nachholen.