Soldaten hier und da

Gestern las ich in einer deutschen Tageszeitung über die Urteile, die gegen zwei Bundeswehrausbilder wegen Misshandlung von Rekruten in Coesfeld verkündet wurden. Die Schilderung der Soldaten klingt in der Tat nicht so angenehm – Stiefel unter empfindliche Stellen geschoben bekommen, mit Kübelspritze nass gemacht, Sand ins Hemd gekippt gekriegt, geschlagen worden, leichten Stromschläge ausgesetzt.

Heute las ich in einer russischen Tageszeitung, dass der Soldat Sergej Sinkonen, der vor fast zwei Wochen zusammen mit einem anderen Soldaten in Plesezk von zwei Ausbildungsoffizieren krankenhausreif geprügelt worden und ins Koma gefallen war, an seinen Verletzungen gestorben ist. Er ist bei weitem nicht das einzige Opfer sogenannter „djedovshina“ in der russischen Armee:

  • März 2004 – in Sofrino in der Region Moskau verpasst ein unzufriedener Offizier dem Wehrdienstleistenden Alexander Kusnezov einen Faustschlag in die Brustgegend. Infolge des schweren Schlages kommt es zum Herzstillstand, der Soldat stirbt.
  • 16.08.2005 – bei einer nächtlichen Übung im Gebiet Kemerovo prügelt einer der Offiziere vier jüngere Soldaten. Einer von ihnen, Maxim Ljakhovski, wehrt sich. Der Offizier schlägt ihm zunächst mehrfach den Kolben der MP über den Kopf und schießt ihm anschließend in den Kopf.
  • 01.01.2006 – Andrey Sytchov, Soldat in der Tscheljabinsker Panzereinheit, wird in der Neujahrsnacht für Stunden auf einem Stuhl festgebunden, geprügelt und getreten. Ihm müssen im Krankenhaus beide Beine und die Geschlechtsorgane amputiert werden.
  • 11.08.2006 – Dmitrij Pantelejev kehrt nach einem eigenmächtigen „Ausflug“ angetrunken in seine Kaserne in Lukhovzy, Moskauer Gebiet, zurück. Der Kommandeur der Kompanie statuiert ein Exempel und verprügelt den Soldaten wegen des Verstoßes. Der Soldat stirbt im Krankenhaus an seinen Verletzungen.
  • 06.10. 2006 – Andrey Rudenko, der seinen Wehrdienst in Tchita ableistete, wird von seinem Kommandeur für 35.000 Rubel an einen örtlichen Geschäftsmann „verkauft“. Infolge eines Unfalls auf seiner neuen „Arbeit“ wurde ihm ein Bein amputiert, er erlitt einen Schädelbruch, verlor fast alle Zähne und ist auf einem Auge fast blind.
  • März 2007 – auf dem Grenzschutzschiff „Ivan Lednev“ erhängt sich Matrose Anton Kovalev nach wiederholten Misshandlungen durch ältere Matrosen.

Das sind nur einige der publik gewordenen Fälle (Quelle: NTV-News). Die meisten, vor allem die ohne „richtig“ schwerwiegende Folgen, werden jedoch gar nicht bekannt. Es ist kein Geheimnis, dass viele  junge Männer jedes Schlupfloch suchen, um um den Wehrdienst herumzukommen. Der ist auch so schon nicht attraktiv – bis vor kurzem dauerte er zwei Jahre, meist müssen die Soldaten irgendwo fern der Heimat ihren Dienst ableisten, das Essen ist schlecht, Urlaube und Besuche sind selten, es gibt keine oder minimale Bezahlung. Das wäre alles erträglich, aber die Aussicht auf ständige Erniedrigungen und die Option, als Krüppel heim zu kommen, ist es nicht. Das Geschäft des „Freikaufens“ vom Wehrdienst boomt. Wen wundert es?

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