Und weil ich grad beim Meckern bin…

… wollte ich noch erwähnen, dass ich meinen Pass vor einem Monat, am 27.8., bei der Moskauer Vertretung einer namhaften deutschen (internationalen) Anwaltskanzlei abgegeben habe, weil die sich um unsere rechtlichen Angelegenheiten, darunter auch Umregistrierung der Arbeitsvisa unserer ausländischen Mitarbeiter, kümmert. Und gestern habe ich meinen Pass dann kurzzeitig wiedergesehen – er war nach geschlagenen vier Wochen, die er in irgendjemandes Schreibtisch herumlag, endlich auf dem Weg zur Staatlichen Registrierungskammer, wo er schon längst hätte sein sollen und nun mindestens noch mal drei Wochen herumliegen wird. Schöne Schlamperei der hochbezahlten Juristen. (Ja, kann ja mal passieren, aber letztlich hab ich den Ärger am Hals.) Und prima Gesetze, die einerseits verlangen, dass ich meinen Pass für geraume Zeit aus den Händen gebe, und andererseits vorschreiben, dass man auf Schritt und Tritt seinen Pass vorzeigen muss. Ich hatte heute bei meiner Bank z.B. ernsthafte Probleme, Geld auf mein eigenes Konto einzuzahlen. Die wollten es ohne Vorlage meines Passes einfach nicht nehmen…

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Absurdistan

Manchmal glaube ich wirklich, ich bin hier in Absurdistan gelandet. Diesmal richtet sich mein Unmut gegen „unsere“, also die für den Bezirk Noginsk in der Moskauer Region zuständigen Gaswerke. Zunächst die Vorgeschichte:

Wir zahlen nun schon Jahr und Tag unsere Kommunalabgaben (Wasser, Müllgebühren etc.), und auf der monatlichen Rechnung heißt es: „prozhivajushikh – 0„, sprich, es wohnen offiziell null Leute in unserer Wohnung in Kupavna. Das hat auch seine Richtigkeit, denn Andrej ist in der Wohnung seiner Eltern gemeldet, ich in der Wohnung seiner Schwester, und beide zahlen wir also dort anteilig die Kommunalabgaben mit (für Wasser, das wir zwar nicht in Moskau nutzen, aber halt anderswo). Es würde zu weit führen zu erklären, warum wir uns nicht in unserer Wohnung anmelden, das ist noch so eine absurde Sache, die sich aber leider nicht lösen lässt. Kurz: Es ist keiner von uns in unserer Wohnung gemeldet, weil es aus diversen bescheuerten Gründen nicht geht. Das IST nun mal leider so. (Wäre es anders, hätte ich vielleicht schon eine Aufenthaltserlaubnis, die mir als Ehefrau eines Staatsbürgers der Russischen Föderation ja per Gesetz auch zusteht, die ich auch aus irgendwelchen Gründen nicht mal beantragen kann, weil keiner sich zuständig fühlt… das ist eine weitere Absurdität… seufz.)

 Jedenfalls bekamen wir immer die Gasrechnung gesondert, und auf der hieß es bis Herbst vorigen Jahres: „prozhivajushikh – 1„, weil die nämlich noch uralte Angaben zugrunde liegen hatten. Aber gut, den Pauschalbetrag für einen angeblichen Bewohner kann man schon zahlen (Gasuhren gibt es nämlich nicht), zumal der auch nicht so sehr teuer war. Die Riesenrennerei für die Änderung wäre den Aufwand jedenfalls nicht wert gewesen. Im Dezember 2006 bemerkten wir erstmals auf der Gasrechnung, dass da statt der 1 nun plötzlich 2,7 stand. Gleichzeitg stiegen die Gaskosten, so dass wir plötzlich jeden Monat einen recht ordentlichen Betrag zahlen sollten. Sämtliche Versuche zu klären, was es damit auf sich hat, schlugen fehl, weil in Kupavna im Büro der Gaswerke zu den Sprechzeiten und auch sonst nie jemand da war.

Seit Mai wohnen wir sowieso auch nicht in der Wohnung, sondern in unserem Häuschen auf der Datscha, so dass wir auch keine Gelegenheit hatten, dauernd bei den Gaswerken vorbeizuschauen, ob da mal gnädig jemand gewillt ist, sich mit dieser Sache zu beschäftigen. Beim vorletzten Besuch in Kupavna (Ende August) fanden wir in unserem Briefkasten ganz neue Rechnungsformulare mit weiterhin angeblichen 2,7 Bewohnern unser Wohnung und einem schönen Schuldenberg vor. Unsere Nachbarn waren bereit, uns zu bestätigen, dass wir seit Mai nicht in unserer Wohnung wohnen und auch sonst da keiner wohnt, aber das erwies sich eher als Schuss ins Knie. Denn vorige Woche, als  es mein Liebster endlich (!)  geschafft hat, mal jemanden im örtlichen Büro der Gaswerke anzutreffen, erfuhren wir folgende Kuriosität:

Wenn jemand in der Wohnung gemeldet ist bzw. wohnt, werden die Gaskosten für eine Wohnung ausgehend vom Grundpauschalbetrag (für den geschätzten Gasverbrauch einer Person) multipliziert mit der Anzahl der Bewohner berechnet. Soweit alles logisch, alles verständlich.
Wenn nun aber keiner in der Wohnung wohnt, wird laut Geschäftsordnung der Gaswerke (oder welchen Wisch auch immer sie da zitieren) der Koeffizient von 2,7 zugrunde gelegt. Sprich: Steht die Wohnung leer und verbraucht also niemand Gas, zahlt man trotzdem für den geschätzen Gasverbrauch von fast drei Personen.

Die Dame zuckte ob dieser haarsträubenden Regelung die Schultern und meinte, sie könne da gar nichts machen, so wären nun mal die Vorschriften, unsere Rechnungen seien also alle in Ordnung und wir sollten die jetzt mal schleunigst bezahlen. Toll. Gegen einen Mindestgrundbetrag hätten wir ja nichts gesagt. Aber nun sollen wir jeden Monat für fast drei Leute Gas bezahlen, obwohl wir nur zwei sind und kein Gas nutzen. Wo ist da der Sinn, wo ist da die Logik? Soll man da nicht blöde werden??? Und das machen die ja nicht nur mit uns so…

Was uns nun bleibt, ist entweder der aussichtslose Kampf gegen die Windmühlen russischer Bürokratie und staatlicher Unternehmen (für die wir weder Zeit, noch Nerven haben) oder Resignation vor diesem System, in dem nur der Starke (sprich Reiche oder Mächtige) sich sein Recht verschaffen kann. Aber das ist ja nichts neues mehr. Wir werden also unsere aus der Luft gegriffenen Gasschulden bezahlen und die Wohnung hoffentlich bald loswerden, wenn wir endgültig auf die Datscha übersiedeln. Ein Grund mehr, sich dafür mächtig ins Zeug zu legen.

zweiter Hochzeitstag

Mein Liebster und ich gehen ja leider nicht allzu oft zu irgendwelchen Konzerten oder sonstigen Veranstaltungen, aber wenn… dann sind das richtige Knaller wie z.B. der an unserem zweiten Hochzeitstag. (Toll ist übrigens, dass wir quasi zwei Hochzeitstage haben und aussuchen können, welchen wir feiern… diesmal lag der im September günstiger.)
Jedenfalls waren wir gestern Abend auf dem Roten Platz beim 1. Internationalen Militärmusikfestival mit der schönen Bezeichnung „Kremljovskaja Sorja“ (Kreml-Zapfenstreich). Ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber meine schon (war ja selbst mal in einem Fanfarenzug), und Andrej hat es auch total gut gefallen:

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Tolle Atmosphäre – Punkt acht Uhr schlug die Turmuhr des Spasskij-Turms, dann begann das Festival mit Marschklängen eines von mehreren russischen Orchestern, das übrigens ein geniale Trommler-Solo im Programm hatte.kz2.jpg

Die rot-weißen Soldaten mit Wuschelmützen gehören zum dänischen Königlichen Garderegiment.

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Durchs virtuelle Holstentor zog das Musikkorps der Bundeswehr, das als einiziges der Orchester kein bisschen Show zeigte, dafür ganz tolle und teilweise völlig unmilitärische Musik zum Besten gab.

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Und dann waren da noch die Kosaken aus dem Süden Russland, die wirbelten und sprangen, dass man so schnell kaum gucken konnte. Außerdem traten u.a. noch eine Garde der russischen Kavallerie, italienische Flaggenträger in mittelalterlichen Uniformen und die Ehrengarde des Präsidentenregimentes (mit tollen Waffenkunststücken) auf.

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Die Krönung des Konzertes war jedoch ein aus 350 Musikern aus fünf Ländern (GB, CA, AU, NZ und ZA)  bestehendes Dudelsackorchester in den verschiedensten  schottisch geprägten Trachten, das die Leute sehr begeisterte und zum Schluss endgültig das Publikum eroberte, als es mit allen Orchestern zusammen „Po Donu guljajet“, ein russisch-ukrainisches Volkslied, spielte.

Nach leckerem italienischen Essen und einem netten Spaziergang war dies ein gelungener Abschluss für einen wunderschönen Altweibersommer-Hochzeitstag, diesmal ohne Angina. Mehr davon!

Mittwochs-Sport I

Meine neue Arbeit finde ich ziemlich spannend und meine Kollegen ziemlich nett. Da wir ja alle noch nicht so lange dabei sind und mit mir zusammen Anfang August noch ein paar Neue dazukamen, hatten wir Mitte August ein kleines „Team-Building“-Seminar in einer netten Freizeitanlage im Moskauer Umland. Und da kamen wir beim Bowling auf die Idee, dass wir doch einmal im Monat zur Unterstützung des Teamgeistes irgendeinen Sport zusammen betreiben könnten. Bei der ersten Aktion dieser Art waren zwar letztlich nur fünf Leute dabei, aber es hat tierisch Spaß gemacht! Wir waren zum Go-Kart-Fahren…

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Es gibt erstaunlich viele Kart-Bahnen in Moskau. Wir haben uns für eine geschlossene namens „10 djuimov“ (10 inches) entschieden, damit uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung machen kann. Und so sehen die Karting-Helden unserer Firma aus: Die Damen…

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… und die Herren.

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Bin schon gespannt, welche Sportart wir im Oktober ausprobieren. Beim Karting waren wir aber sicher nicht das letzte Mal.

Erstens kommt es anders…

…und zweitens, als gedacht. Das pflegte meine Oma manchmal zu sagen, und so könnte man auch das kommentieren, was derzeit gerade in der russischen Innenpolitik abgeht. Gestern Abend trat überraschend (zumindest für die kreml-externe Öffentlichkeit) der Premierminister samt Regierung zurück – „wegen der bevorstehenden Wahlen.“ Häh? Was ist das denn für ein depperter Grund? Naja, wie dem auch sei, Onkel Wowa hatte gleich den passenden Nachfolgekandidaten parat, nämlich Herrn Subkov, woraufhin der Tagesspiegel in seiner heutigen Ausgabe, die also nachts gedruckt wurde, einen lesenswerten Artikel u.a. mit folgender Aussage druckte:

Politische Experten sehen in den Entwicklungen den Beginn des Versuchs Putins, sich die Macht zu sichern. Vermutet wird, dass nach den Duma-Wahlen am 2. Dezember Verfassungsänderungen geplant sind, mit denen der Präsident Kernkompetenzen an den Premier abtreten soll – dieser würde zum neuen Machthaber Russlands. Als wahrscheinlichster Kandidat gilt Putin. Für das Amt des Präsidenten darf er nach gegenwärtiger Verfassung nicht erneut kandidieren. Für dieses Szenario, bei dem der Präsident vor allem Repräsentationsaufgaben wie der Bundespräsident wahrnimmt, sprechen sowohl das vorgerückte Alter Subkows als auch dessen Vita.

Und siehe da, seit ca. 13 Uhr Moskauer Zeit berichten verschiedene russischen Nachrichtenagenturen , dass Subkov seine Teilnahme an den Präsidentenwahlen nicht ausschließt… Der muss heute früh den Tagesspiegel gelesen haben!

Mal ernsthaft – jetzt wird es langsam richtig spannend, denn mit solch einem Szenarium hat wohl kaum einer gerechnet, denn bisher galten ja Ivanov oder Medvedjev, die beiden ersten Stellvertreter, als heiße Präsidentschaftskandidaten. Aber meiner Meinung nach hat das Rätselraten um die zukünftigen Machtverhältnisse im Kreml und drumherum keinen Sinn, denn der Kreml lässt sich eh nicht in die Karten gucken. Außerdem kommt es zwar anders, als man (in Person des gemeinen „Elektorats“) das denkt, aber auf jeden Fall so, wie nicht der Wähler, sondern Putin und Co. das „lenken“. Schließlich ist die Demokratie hier auch eine gelenkte.

Festgestellt

Sagte ich übrigens schon,

  • dass wir heute früh auf unserer Datscha -2 Grad (in Worten: minus zwei) draußen hatten? Den Herbst haben wir also schon erfolgreich hinter uns gebracht. Andrej wird also schnellstens anfangen, unseren Ziegelofen zu bauen, sobald das Häuschen vollständig rundrum wärme-isoliert ist. Nächste Woche wird wohl auch die Stadt Moskau mal probeweise die Zentralheizung anwerfen, das kann man nämlich hier nicht von Haus zu Haus selber machen. Bis dahin ist die halbe Belegschaft unseres Büro erkältet, weil die Lüftungsanlage ständig für frische Luft sorgt.
  • dass wir unseren Digi-Fotoapparat wiedergefunden haben? Er lag in einer Arznei-Tüte, und wie er da rein gekommen ist, ist mir – ehrlich gesagt – schleierhaft, aber Andrej hat sich schon für schuldig erklärt. Nun kann ich also mal ein paar Bilder von unserer Baustelle machen.
  • dass wir heute unsere neues, gebrauchtes Autochen bekommen? Ein richtiges Auto… keine rostiges sowjetisches Ungetüm, das dauernd irgendeinen Defekt hat… Wir können jetzt also auch mal weitere Ausflüge (über 100 km) machen, ohne befürchten zu müssen, dass uns wegen schlechter Ersatzteile unterwegs das Zündkerzengewinde oder das Kupplungsgetriebe oder der Radiator zerfliegt, obwohl gerade vor zwei Wochen repariert.

Nicht nur sauber, sondern lupenrein.

Wie das mit der „lupenreinen“ Demokratie und den Präsidentenwahlen in Russland ist (über die ich ja gestern einen kleinen Nebensatz verlor), weiß übrigens auch Joschka Fischer:

„Die Demokratie wurde zu einer „gelenkten Demokratie“ denaturiert. Es gibt auf dem Papier zwar nach wie vor unterschiedliche Parteien, Wahlen, eine pluralistische Öffentlichkeit, eine unabhängige Justiz und Marktwirtschaft, aber faktisch unterliegt das System der Kontrolle durch den Präsidenten. Das Volk darf ihn wählen, aber die tatsächliche Entscheidung über ihn wird zuvor im Zentrum der Macht getroffen.“

Bis zu Gerhard Schröder scheint sich das noch nicht rumgesprochen haben. Vielleicht sollte er sich mal den  (interessanten) Fischer-Artikel, auf den ich heute aufmerksam wurde, oder einen anderen Kommentar zum Thema zu Gemüte führen.