Absurdistan

Manchmal glaube ich wirklich, ich bin hier in Absurdistan gelandet. Diesmal richtet sich mein Unmut gegen „unsere“, also die für den Bezirk Noginsk in der Moskauer Region zuständigen Gaswerke. Zunächst die Vorgeschichte:

Wir zahlen nun schon Jahr und Tag unsere Kommunalabgaben (Wasser, Müllgebühren etc.), und auf der monatlichen Rechnung heißt es: „prozhivajushikh – 0„, sprich, es wohnen offiziell null Leute in unserer Wohnung in Kupavna. Das hat auch seine Richtigkeit, denn Andrej ist in der Wohnung seiner Eltern gemeldet, ich in der Wohnung seiner Schwester, und beide zahlen wir also dort anteilig die Kommunalabgaben mit (für Wasser, das wir zwar nicht in Moskau nutzen, aber halt anderswo). Es würde zu weit führen zu erklären, warum wir uns nicht in unserer Wohnung anmelden, das ist noch so eine absurde Sache, die sich aber leider nicht lösen lässt. Kurz: Es ist keiner von uns in unserer Wohnung gemeldet, weil es aus diversen bescheuerten Gründen nicht geht. Das IST nun mal leider so. (Wäre es anders, hätte ich vielleicht schon eine Aufenthaltserlaubnis, die mir als Ehefrau eines Staatsbürgers der Russischen Föderation ja per Gesetz auch zusteht, die ich auch aus irgendwelchen Gründen nicht mal beantragen kann, weil keiner sich zuständig fühlt… das ist eine weitere Absurdität… seufz.)

 Jedenfalls bekamen wir immer die Gasrechnung gesondert, und auf der hieß es bis Herbst vorigen Jahres: „prozhivajushikh – 1„, weil die nämlich noch uralte Angaben zugrunde liegen hatten. Aber gut, den Pauschalbetrag für einen angeblichen Bewohner kann man schon zahlen (Gasuhren gibt es nämlich nicht), zumal der auch nicht so sehr teuer war. Die Riesenrennerei für die Änderung wäre den Aufwand jedenfalls nicht wert gewesen. Im Dezember 2006 bemerkten wir erstmals auf der Gasrechnung, dass da statt der 1 nun plötzlich 2,7 stand. Gleichzeitg stiegen die Gaskosten, so dass wir plötzlich jeden Monat einen recht ordentlichen Betrag zahlen sollten. Sämtliche Versuche zu klären, was es damit auf sich hat, schlugen fehl, weil in Kupavna im Büro der Gaswerke zu den Sprechzeiten und auch sonst nie jemand da war.

Seit Mai wohnen wir sowieso auch nicht in der Wohnung, sondern in unserem Häuschen auf der Datscha, so dass wir auch keine Gelegenheit hatten, dauernd bei den Gaswerken vorbeizuschauen, ob da mal gnädig jemand gewillt ist, sich mit dieser Sache zu beschäftigen. Beim vorletzten Besuch in Kupavna (Ende August) fanden wir in unserem Briefkasten ganz neue Rechnungsformulare mit weiterhin angeblichen 2,7 Bewohnern unser Wohnung und einem schönen Schuldenberg vor. Unsere Nachbarn waren bereit, uns zu bestätigen, dass wir seit Mai nicht in unserer Wohnung wohnen und auch sonst da keiner wohnt, aber das erwies sich eher als Schuss ins Knie. Denn vorige Woche, als  es mein Liebster endlich (!)  geschafft hat, mal jemanden im örtlichen Büro der Gaswerke anzutreffen, erfuhren wir folgende Kuriosität:

Wenn jemand in der Wohnung gemeldet ist bzw. wohnt, werden die Gaskosten für eine Wohnung ausgehend vom Grundpauschalbetrag (für den geschätzten Gasverbrauch einer Person) multipliziert mit der Anzahl der Bewohner berechnet. Soweit alles logisch, alles verständlich.
Wenn nun aber keiner in der Wohnung wohnt, wird laut Geschäftsordnung der Gaswerke (oder welchen Wisch auch immer sie da zitieren) der Koeffizient von 2,7 zugrunde gelegt. Sprich: Steht die Wohnung leer und verbraucht also niemand Gas, zahlt man trotzdem für den geschätzen Gasverbrauch von fast drei Personen.

Die Dame zuckte ob dieser haarsträubenden Regelung die Schultern und meinte, sie könne da gar nichts machen, so wären nun mal die Vorschriften, unsere Rechnungen seien also alle in Ordnung und wir sollten die jetzt mal schleunigst bezahlen. Toll. Gegen einen Mindestgrundbetrag hätten wir ja nichts gesagt. Aber nun sollen wir jeden Monat für fast drei Leute Gas bezahlen, obwohl wir nur zwei sind und kein Gas nutzen. Wo ist da der Sinn, wo ist da die Logik? Soll man da nicht blöde werden??? Und das machen die ja nicht nur mit uns so…

Was uns nun bleibt, ist entweder der aussichtslose Kampf gegen die Windmühlen russischer Bürokratie und staatlicher Unternehmen (für die wir weder Zeit, noch Nerven haben) oder Resignation vor diesem System, in dem nur der Starke (sprich Reiche oder Mächtige) sich sein Recht verschaffen kann. Aber das ist ja nichts neues mehr. Wir werden also unsere aus der Luft gegriffenen Gasschulden bezahlen und die Wohnung hoffentlich bald loswerden, wenn wir endgültig auf die Datscha übersiedeln. Ein Grund mehr, sich dafür mächtig ins Zeug zu legen.

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2 Antworten

  1. Hossa, die scheinen den Bogen ja so was von raus zu haben, da scheint eine Übersiedelung wohl nur angeraten, wenn ausreichende Erfahrung mit „the Agentur, former called Arbeitsamt“ den Geist prägten.
    Praktische Frage: Datscha hat auch Gasanschluß? Anders als dt. Kleingarten?

  2. Es gibt ja verschiedene Datschen, unsere hat keinen Gasanschluss, wir kochen mit Propan aus ’ner Gasflasche, die man immer wieder auffüllen kann. Da zahlt man dann auch nur das, was man verbraucht. Zum Thema Datscha lasse ich mich demnächst mal aus, wenn ich endlich die Fotos von unserer fertig habe.

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