Herr Russi sucht das Glück? *

Auf der Internetseite des sozialen Hilfsdienstes der russisch-orthodoxen Kirche, „Miloserdie“ (Barmherzigkeit), habe ich kürzlich einen interessanten Artikel gefunden. Viktor Khanykov, Narkologe und Mitarbeiter der Abteilung für Suchtkrankheiten des wissenschaftlichen Forschungsinstitutes für Psychiatrie in Moskau, beantwortet darin Fragen zum Thema Alkoholismus, unter anderem diese: Warum gibt es in Russland so viele Alkoholiker? Die Antwort fand ich sehr aufschlussreich:

Wir sind in allen Arten von Süchten absolute Rekordhalter. Und der schlechte Einfluss des Westens und die künstliche Vergiftung des Volkes sind keine Erklärung dafür. Das ist alles Quatsch. Eine riesige Anzahl von Leuten hat sich aufs Heroin gestürzt, als das bei uns auftauchte; selbst, wenn man davon ausginge, dass das [Heroin] durch jemandes Intrigen zu uns kam, hat man sich doch drauf gestürzt. Später passierte das genau so mit den Spielautomaten. Warum stehen in der Tschechei die gleichen Spielhallen – üblicherweise sind die Besitzer Russen – und keiner geht da hin?! Im archaischen Bewusstsein unseres Volkes gibt es ein Streben – aufs Geratewohl. Da wird nicht auf Erfolg kalkuliert, sondern auf Glück. Erfolg erreichst du im Laufe einer Tätigkeit, aber Glück ist das, was dir einfach zufällt. Und dieses vorrangige Rechnen darauf, dass irgendetwas passieren muss und dass die sorglose Zukunft wenigstens für mich persönlich sofort hier und jetzt beginnt, das ist scheinbar sehr typisch für unser Volk. Damit haben die Bolschewiken die Leute geködert. Und erinnern Sie sich an all diese [Finanz]Pyramiden – Millionen Menschen haben da mitgemacht. Das sind Erscheinungen derselben Art – schneller Erwerb von Glück hier und gleich. Aber es erkämpfen, erringen, sich ein entferntes Ziel setzen und dieses lange verfolgen – das ist leider unserem Volk nicht eigen.

* Überschrift angelehnt an den Titel der Serie „Herr Rossi sucht das Glück“

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Eine Antwort

  1. In einem unstabilen Umfeld gibt es keine grossen Anreize sich langfristige Ziele zu setzen, sondern eine kurzfristige Gewinnmaximierung scheint das Gebot der Stunde zu sein. Der Traum aller russischen Zaren von Ivan dem Schrecklichen bis zu Putin war immer ein starkes Russland, aber mit schwachen Menschen denen keine Stabilität vertraut ist wird dieser Traum wohl immer nur ein Traum bleiben.

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