Armutszeugnis

Mittlerweile gibt es tatsächlich wieder andere Dinge in der Zeitung zu lesen, aber erfreulich sind die leider auch nicht: 20 (von 150) Millionen Menschen in Russland leben unterhalb der Armutsgrenze. Eigentlich sind es sogar noch mehr, wenn man bedenkt, dass das durchschnittliche Existenzminimum der russischen Bevölkerung für das 4. Quartal 2007 auf monatlich 4005 Rubel (110 Euro) festgelegt wurde – zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel, aber davon sprachen wir schon mal. Betroffen sind übrigens nicht nur die Rentner, sondern auch Teile der arbeitstätigen Bevölkerung.

„Die Initiative von Waldimir Putin als Premierminister – die Erhöhung des Mindestlohns auf 4.330 Rubel ab 1. Januar 2009 – wird das Niveau der Armut der arbeitstätigen Bevölkerung kaum beeinflussen können, da der Mindestlohn seine Bedeutung als Regulator in den 90er Jahren verloren und seitdem nicht wieder erlangt hat und wohl kaum wieder erlangen wird. Für die Arbeitgeber wurden niedrige Zielwerte aufgestellt, darum lohnt es sich für sie mehr, billige Arbeit zu nutzen und sich nicht für neue Ausstattung und Lohnerhöhungen zu verausgaben.“

Ljudmila Rzhanizyna, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Wirtschaftsinstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften hier.

 

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9 Antworten

  1. Der Anteil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze ist in den vergangenen Jahren stetig gefallen und das ist, was zählt. Man sollte jetzt nicht auf scheinheilig und ahnungslos tun und fragen: warum ist die Zahl nicht bei Null? Wenn man bedenkt, woher Russland kam, ist die Entwicklung mehr als beachtlich. Jeder, der Zauberei erwartet, ist nicht ernstzunehmen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Russland, was den Armutsanteil angeht, nicht schon besser da steht, als die USA.

  2. Eine Entwicklung ist da, das stimmt. Und vom Prozentsatz her ist Russland nicht so viel schlechter als die USA. Aber ein Vergleich zu den USA hinkt – denn die Armutsgrenze liegt dort weit höher. Wenn wir mal einen Drei-Personen-Haushalt nehmen, dann gilt der in den USA als arm, wenn er pro Jahr weniger als 17.600 US-Dollar Einkommen hat. Wenn wir die 4005 Rubel in Dollar umrechnen und auf drei Personen pro Jahr hochrechnen, kommen wir auf nur 6.008 Dollar…

  3. In Russland sind aber die Lebenshaltungskosten geringer, Miete müssen die meisten nicht zahlen (in den USA schlägt die Miete wahnsinnig zu Buche), Medizin und Ausbildung sind in Russland ebenso wesentlich günstiger.

    Und zu guter letzt zahlt man in Russland nur 13% Einkommenssteuer.

  4. Wenn wir bedenken, dass in Deutschland jeder 8te unter der Armutsgrenze lebt (es sogar jeder 4te würde, wenn es keine ergänzenden Sozialtransfers gäbe) sollten wir doch bitte zuerst die deutsche Situation analysieren bevor wir die russische anprangern.

    Ich hoffe die Fettnäpfchen vermieden zu haben 😉

  5. Unbequemer, über die Lebenshaltungskosten in den USA kann ich nichts sagen. Fakt ist aber, dass gerade Moskau ein unheimlich teures Pflaster geworden ist, wo Miete (wenn man sie zahlen muss) richtig ins Geld geht und auch medizinische Versorgung und Ausbildung längst ordentlich Geld kosten. Die staatlichen Polikliniken bieten leider immer weniger gute medizinische Versorgung (die Ärzte wollen auch ordentlich leben und gehen in private Kliniken, wo sie besser verdienen), und wenn man keinen der wenigen Stipendienplätze an Unis bekommt, darf man auch für Repetitoren, Studiengebühren und z.T. auch Bestechungsgelder gut bezahlen. Gemessen an den durchschnittlichen Einkommen (kein Managergehalt) finde ich die Lebenshaltungskosten für Durchschnittsrussen in Moskau sehr hoch.

    Heribert, kein Fettnapf! 🙂 aber ein paar Worte zur Klarstellung: Es geht hier nicht darum, die Situation in Russland anzuprangern, ich gebe nur Informationen weiter, die ich – übrigens in russischen Medien – gelesen habe. Ich habe nicht gesagt, dass es nur in Russland arme Leute gibt. Aber es gibt sie, und das möchte ich auch schreiben dürfen. Und ich habe ich weder die Möglichkeit, noch die Absicht, immer parallel zu analysieren, wie denn die USA oder Deutschland im Vergleich abschneidet.

    Ich schreibe von dem, was ich hier sehe, erlebe, mitbekomme. Das ist nicht immer schön, manchmal bin ich genervt, aber ich glaube nicht, dass ich mir vorwerfen lassen muss, ich würde Russland mit Dreck bewerfen und andere Staaten dagegen glorifizieren. Ich kann und will aber auch nicht immer relativieren (müssen): „Russland ist so, aaaaber die USA sind ja auch so oder ähnlich“. Hier geht es um meinen Alltag in Russland. Wer vergleichen will, soll das gerne tun, da wird sicher einiges interessantes zum Vorschein kommen, aber ich kann nun mal nur (m)einen Teil der Infos beisteuern.

  6. Einleitend (zwischen den Zeilen lesend), es geht nicht um „schreiben dürfen“ oder „relativieren müssen“. Ich glaube nicht, dass Dir jemand vorschreibt (oder es versucht) was Du schreiben darfst, sollst, musst. Ich möchte meine Kommentare auch nicht so verstanden wissen. Auch habe ich Dir nie vorgeworfen Russland mit Dreck zu bewerfen.

    Ich kann „Den Unbequemen“ aber gut verstehen. Die „Russlandblogosphäre“ (die deutschsprachige zum Teil und die englischsprachige fast ausschließlich) hat nichts mit der Vermittlung des Lebensalltages in Russland zu tun. Es geht um die Verunglimpfung eines Landes, und seiner Bevölkerung, aus niedrigen Beweggründen.

    Einer glaubt mit „Mainstreamberichten“ zum „Journalisten“ zu werden und einen Job in „den neuen Medien“ zu bekommen, andere meinen den eigenen „Nationalstolz“ aufwerten zu müssen, indem sie Russland tatsächlich „mit Dreck bewerfen“.

    „Der Unbequeme“ hält auf seine Weise dagegen, ich auf meine. Es liegt mir fern Dich „angreifen“ zu wollen, glaube auch nicht dies bisher getan zu haben. Ganz im Gegenteil. Ich denke auch nicht, dass „Der Unbequeme“ Dich angreift oder bevormundet.

    Abschließend, ich bin Dir für Deinen Beitrag (Deine Infos) dankbar. Sollte ich Dir „auf die Füße getreten“ haben, so entschuldige ich mich. Es war keineswegs meine Absicht.

  7. Moskau ist eine eigene Welt, in der gerade mal 7-8% der Russen leben. Die von mir genannten Aspekte gelten aber für ganz Russland.

  8. Ich gebe dir recht, Unbequemer. Das Existenzminimum gilt nun mal aber auch für Moskau… und da reicht es nun mal hinten und vorne nicht.

    Heribert, ich habe mich nicht angegriffen gefühlt. Aber da du bei mir kommentierst, habe ich deinen Kommentar natürlich auf mich und meinen Beitrag bezogen, und deinem Ausspruch „…sollten wir doch bitte zuerst die deutsche Situation analysieren bevor wir die russische anprangern…“ wollte ich gern was entgegensetzen – weil Informieren und Anprangern verschiedene Dinge sind, und weil ich die Analyse einfach nicht leisten kann. Aber das haben wir ja nun geklärt.

  9. Stimmt, wir haben es geklärt. Ich schrieb auch „wir“ und nicht „Du“, alleine dies beweist schon meine friedliche Absicht 🙂

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