Bitte recht freundlich

Eine der anstrengendsten und gewöhnungsbedürftigsten Dinge in Moskau ist die allgemein verbreitete Unfreundlichkeit der Leute. Natürlich gibt es immer Ausnahmen – wie z.B. die nette Kassiererin im „Bulotchka Brioche“ an der Metro „Oktjabrskaja“, aber das sind eben leider doch Ausnahmen. 

Mittlerweile hab ich auch ein gewisses Verständnis dafür, dass die Leute generell genervt sind – Moskau ist mit seinen riesigen Ausmaßen und seinen 15 Millionen Einwohnern einfach wirklich sehr stressig. Wenn man z.B. Hauptberufszeit 1-2 Stunden von zu Hause zur Arbeit braucht und diese entweder mit ungeduldigen Autofahrern im Mega-Stau oder mit wie Sprotten in eine Konserve gequetschten, müden Passagieren  im öffentlichen Verkehrsmittel verbringt und das gleiche abends auf dem Heimweg wieder vor sich hat, ist man irgendwann weder besonders freundlich, noch besonders rücksichtsvoll. Und wenn die Bedienung bereits 11 von 12 Schichtstunden hinter der Wursttheke im Supermarkt stand, wird sie gegenüber Kunden schon auch mal pampig.

Man könnte sich natürlich trotz eigener Anspannung und Müdigkeit um eine gewisse Höflichkeit bemühen und sich nicht einfach gehen lassen, aber manchen fehlt dafür die gute Kinderstube, und anderen fehlt dafür einfach die nötige Kraft. Damit muss man sich einfach abfinden, denn Sich-drüber-aufregen bringt in den meisten Fällen gar nichts. Aber sich davon anstecken lassen muss man noch lange nicht:

Artikel veröffentlicht in der Moskauer Deutschen Zeitung

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5 Antworten

  1. Respekt, der Artikel ist toll geschrieben. Ich kann mir selbst hier, wenn ich (selten mal) auf unfreundliche Menschen treffe, einen bösen Kommentar nur schwer verkneifen. Aber Du hast recht, es bringt keinem etwas und deshalb versuche ich dann wenigstens, das zu ignorieren. Toll, dass Du das so durchziehst.

  2. freundlichkeits-defensive ist gut. sehr gut sogar! und ich liebe solche artikel, die uns daheim-gebliebenen vom echten leben anderswo erzählen. super, vielen dank!

  3. Eben schnell den Adler instruieren für
    „im Tor stehen und staunen“.
    Erledigt.

    Nun meine Erinnerung bemühen.
    Die reicht zwar weit zurück, ich weiß aber nicht ob ich es auch hier schon erwähnte:
    In den 1980ern reisend, mal hier, dann dort,
    überraschte mich bis heute nachhaltig,
    daß ganz anders als im abweisenden Paris die Menschen Leningrads schon beim Auftauchen aus der METRO den suchenden Touri erkannten und nicht flüchteten.
    Sondern ahnten, welch markanten Punkt der Stadt man wohl suchte. Und ungefragt Auskunft gaben.
    In Moskau erlebte ich es ähnlich.
    Gewagte(?) These:
    Seit nun auch dort die Karriereversprechungen den Alltag dominieren, werden die Gesichter länger.
    (Soll ich mal Krugs Manni schicken,
    der begeistert Börsianer!! Für `ne Woche oder so)

  4. Schoener Artikel, Manu, Respekt! Arbeiteste jetzt so nebenbei auch fuer Moskauer DE-Zeitung? 😉
    Kannst uebrigens daraus den 2. Beruf machen. Deine Artikel/ Komentare etc. lesen sich leicht, egal, worueber Du schreibst. Weiter so!

    7punkt

  5. Hallo Schwesterchen,

    ja, ich muss sagen es ist mal wieder ein gelungener Artikel von Dir, weiter so. Du hast einen sehr schönen schreibstil, liest sich sehr flüssig und begeisternd 🙂

    marci

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