Risiken und Nebenwirkungen

Ich bin heute bei einem Sprung durch meine Link-Liste auf einen Artikel gestoßen, in welchem Russland Kinderfreundlichkeit und Optimismus attestiert werden. Da heißt es unter anderem:

Das ganze Land scheint eher auf dem “Trip zur Lebensfreude” zu sein, frei nach dem Motto “Wir wissen zwar nicht wie es weitergeht, aber weitergehen wird es, das ist klar.”
Auf unserem Hof haben wir einen Kindergarten. Morgens kann man da die kleinen Natashas und Igors selbst bei kalten Temperaturen sehen wie sie im Schnee spielen und lärmen. Niemand würde ernsthaft auf die Idee kommen das fröhliche Lärmen der Kleinen unter irgendeinem Lärmschutzaspekt naserümpfend zu betrachten. Kinderlärm ist Teil des Alltagslärms und stört niemanden.

 Diese Art von Optimismus  und Kinderfreundlichkeit ist es letztlich auch, die  mir diese Land so sympathisch macht.

  
Das ist eine Meinung, und jeder darf ja seine eigene haben. Interessieren würde mich, ob der Autor selbst kleine Kinder hat… denn gerade seit unser Mädchen auf der Welt ist, finde ich Russland viel weniger sympathisch. Klar erlebe ich immer wieder ganz herzliche und freundliche Reaktionen von fremden Leuten, wenn wir mit Knirps unterwegs sind – sei es im Supermarkt oder im Krankenhaus oder in der Kirche, und das ist schön, keine Frage.
 
Aber die Kinderfreundlichkeit eines Landes würde ich nicht daran messen, ob sich jemand über einen Kindergarten als Ruhestörer aufregt, sondern eher an den Bedingungen, mit denen Familien mit Kindern und die Kinder selbst konfrontiert werden. Allein die Tatsache, wie wahnsinnig viele Abtreibungen in Russland stattfinden, zeigt mir, dass Kinder hier nicht so sonderlich willkommen sind. Die sozialen Bedingungen lassen eine Familie auch hin und her rechnen: „Können wir uns ein (zweites) Kind leisten?“ Kindergeld ist mickrig, Erziehungsgeld für den Elternteil, der mit dem Baby zu Hause bleibt, lächerlich.
 
Kindergärten sind in den Wohngebieten reichlich vorhanden, das ist positiv, aber ob die dein Kind aufnehmen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Vielleicht muss man da erst jemanden „schmieren“, und wehe, das Kind ist nicht geimpft (obwohl es ein Gesetz gibt, das Erziehungseinrichtungen verbietet, Kinder aus diesem Grund abzulehnen). Und wenn die kleinen Natashas und Igors in ihrem Kindergarten Salzhering (!) zum Frühstück bekommen und eine Flasche Wasser dazu, damit die Grätchen besser rutschen, verschwitzt im Zimmer mit offenem Fenster sitzen, damit ein paar von ihnen krank werden und die Tanten weniger zu tun haben, und bei der ärztlichen Untersuchung die Impfkeule reingedrückt bekommen, obwohl Mama eine schriftliche Erklärung abgegeben hat, dass ihr Kind nicht geimpft werden soll… ist das kinderfreundlich?

 .

Wenn die kleinen Natashas und Igors halb wahnsinnig werden, weil sie mit Mama schon 4 Stunden in der Kinderpoliklinik warten, dass sie endlich dran kommen, weil es grundsätzlich keine Terminvereinbarungen gibt, und einem im staatlichen Kinderkrankenhaus, wo Knirps mit Bronchitis liegt, vom Pflegepersonal gesagt wird: „Mamascha, Sie sollten besser das Licht anlassen und nicht schlafen, sondern gucken, dass Ihrem Kind keine Kakerlaken in die Ohren kriechen“… auch sehr kinderfreundlich
 
Diese Beispiele habe ich mir übrigens nicht ausgedacht.
 

 

Was den Optimismus betrifft: eine Einstellung, die die Leute jeden Tag so leben lässt, als wäre der heutige Tag womöglich der letzte – die finde ich eigentlich nicht besonders optimistisch, sondern eher verzweifelt. Nur nicht an das Morgen denken und daran, woher das Geld für Wohnung, Autokredit und Ausbildung der Kinder kommen soll – oder daran, dass Öl und Gas nicht unendlich sind und man den Worten „Wir müssen unsere Wirtschaft diversifizieren“ endlich auch mal Taten folgen lassen muss. 
 
Andererseits ist mir auch klar, dass man ohne ein bestimmtes Maß an Zweckoptimismus hier nicht weiterkommt. Wer starrt schon bereitwillig in eine ungewisse Zukunft? Lieber nicht so weit nach vorne schauen, da kann einem die Lust am Leben auch vergehen. Und deswegen kauft man heute den Plasmafernseher auf Raten, denn wer weiß, ob morgen nicht der Rubelkurs wieder abstürzt? Und wochenends werkelt man an seinem Gartenhäuschen rum, auch wenn schon nächste Woche die Bulldozer und OMON vor der Gartensparte stehen können, weil angeblich irgendein Papier fehlt und das Ding somit illegal ist, aber eigentlich nur Platz für die nächste Luxussiedlung geschaffen werden muss (passiert derzeit mit der Gartensparte „Retchnik“ in Moskau). Und im Kühlschrank ist ein ganzes Fach nur für die Tropfen und Pillen und Cremes reserviert, für die – anders als der Autor des o.g. Artikels das sieht – auch im russischen Fernsehen und Radio rund um die Uhr ausgiebig geworben wird: Gelenksalbe und Anti-Erkältungspülverchen, Potenzpillen, Herz- und Beruhigungsmittel, Schmerztabletten und – ganz vorn – alles, was dem Verdauungstrakt helfen soll, die Folgen von übermäßigem ungesunden Essen und Trinken zu verkraften. Denn der „Trip zur Lebensfreude“ soll ja noch ein bisschen weiter gehen.
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8 Antworten

  1. Warum sollen Kinder denn nicht geimpft werden?
    Vgl. Kuba- Haiti oder gleich Kuba- USA.
    Gegen das Impfen sprechen doch nur begründete Ausnahmen.
    Und Supermuttis im TV.

  2. Ich bin auch kein grundsätzlicher Impfgegner, aber das Recht zur Entscheidung (ob, wann, wo und womit das Kind geimpft wird) sollten die Eltern schon haben. Insbesondere dann, wenn es begründete Ausnahmen (Allergien z.B.) gibt.

  3. (Auch wenn dieser Artikel jetzt eher traurig stimmt, ich muss doch noch was loswerden: Ich freu mich, dass Du wieder bloggst. Das ist einfach ein anschaulichen Einblick in das Leben in Russland, ich finde das total spannend.) 🙂

    Einen lieben Gruß!

  4. Ein interessanter kritischer Artikel. Vielen Dank für diese Einblicke!

  5. Du bringst es wieder mal auf den Punkt!
    Der Autor des Artikels hat zwar die rosarote Brille auf, aber das ist mir sympathischer als die, die das Leben in Russland zwar auch nicht kennen, aber von Anfang an über alles die Nase rümpfen.

  6. Ich finde den Autor ja auch sympatisch 🙂 Immerhin schickt er „Liebesgrüße aus Moskau“…

  7. Hallo Manu,

    ich habe den Link zu meinem Blog gesehen, ok, ich schaue nicht immer genug hin, daher ist er mir erst heute aufgefallen. In Vielem kann ich das was Du sagst unterstreichen. Daher danke für die konstruktive Kritik.

    Mag sein dass ich es wirklich zu rosig gesehen habe. Ich kenne die Sicht der Dinge (das Innere des Kindergartens) aus der Sicht meiner Enkelin, die eben einen ganz besonderen Opa hat, einen „deutschen Opa“ eben. Kinderpolikliniken kenne ich daher auch von innen und kann Dir im Großen und Ganzen zustimmen, leider. Was ich allerdings vermeiden möchte – und dazu dient mein Blog auch – ist diese oftmals anzutreffende Berichtertstattung über Russland, meist getrieben vom Ansatz „Bad news sells“, siehe dazu auch mein neuester Artikel:

    http://fromrussia.wordpress.com/2010/06/07/russland-die-mafia-korruption-putin-und-kein-ende/

    Natürlich sollte man Russland einigermaßen realistisch betrachten und da gibt es sicher Vieles aus der Sicht eines Westlers zu kritisieren, aber auch aus der Sicht eines Russen. Feststellen möchte ich aber bei aller berechtigten Kritik, dass Russland – obwohl man das in Moskau nicht hören will – ein sich entwickelndes Land ist und Russlands Weg zu stabilen Verhältnissen noch weit ist, leider. Daher können unsere berechtigten Forderungen sehr leicht als Munition für die dienen, die ihre Art des Lebens als allseligmachende betrachten und darum fordern Russland müsse sich ändern.

    Ändern ? Gern, doch wohin und mit welchem Ziel? Wenn es das Ziel ist eine „Musterdemokratie a la Westen“ ungefragt zu übernehmen, dann kann ich nur sagen „STOP“.

    Ansätze dazu hatten wir bereits unter dem als Reformer bekannten Präsidenten Jelzin und seiner Helfer wie Jegor Gaidar und andere.

    Das Resultat dieser als „Schocktherapie“ bekannten „Reformen“, die aus dem ideologischen Nähkästchen von Milton Friedman und seiner „Chicagoboys“ stammen, hat zu einer Massenverelendung sonder gleichen geführt, mit den von Dir zutreffend beschriebenen Zuständen.

    Kaum ein Volk hat im Gefolge des Umbruches soviel über sich ergehen lassen müssen, wie die Russen. Und sie haben es, aus welchem Grunde auch immer hingenommen. Es hätte auch anders ausgehen können.

    Was ich sagen will ist „Russland ist keine andere geographische Region sondern eine andere Welt.“ Eine Welt, die nochmals anders wird, wenn man den schützenden Kokon von Moskau oder St. Petersburg verläßt. Und diese Welt muß, wenn die Bevölkerung das will und durchsetzen kann, von ihr, und nur von ihr geändert werden. Ansätze dazu gibt es, aber wie immer, alles braucht seine Zeit.

    Sicher kennst Du das Wort von Tutschev „An Russland muss man einfach glauben“.

    Freue mich von Dir zu hören, es ist immer interessant wenn die Moskauer Sicht und die Sicht aus der „Provinz“ aufeinander treffen.

    Werner / aus Tver – z.Z. mal wieder in Leipzig

  8. Hallo Werner, schön, dass du dich noch geäußert hast – du hast recht, dass man Russland keine Demokratie nach westlichem Vorbild überstülpen darf, zumal die auch genug Anlass zu Kritik gibt. Aber dieser sprichwörtliche „russische Weg“ ist auch so eine vielzitierte Floskel, von der keiner so recht weiß, was sie eigentlich meint.

    Und in der Tat: die Russen haben viel über sich ergehen lassen (müssen). Die Frage ist, ob es immer gut und richtig ist, alles hinzunehmen. Mein Mann, selbst Russe, ärgert sich oft, dass seine Landsleute so willenlos zu sein scheinen: Griechenland geht auf Sparkurs, das griechische Volk geht auf die Barrikaden, aber den Russen kann die Regierung Last um Last aufbürden, und es wird schweigend geduldet.

    Dass Russland sich entwickelt, ist keine Frage – wohin, werden wir sehen.

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