der Abend danach

Irgendwer sitzt jetzt zu Hause und wartet. Und hofft, dass derjenige oder diejenige, die immer noch nicht zurück sind und den ganzen Tag nicht ans Telefon gehen, sich doch nur verspäten, mit einem leeren Akku im „Mobilnik“. Oder dass sie wenigstens unter denen sind, die als „Name unbekannt“ in den Listen der Krankenhäuser geführt werden, und nicht unter den 16 noch nicht identifizierten Toten. Oder dass irgendein Wunder geschieht und man morgen aufwacht und merkt: Nur schlecht geträumt.

Wenn solche Sachen irgendwo auf der Welt passieren, wenn irgendwo weit weg (mal wieder) in einem Bus oder einem Hotel eine Bombe explodiert, dann nimmt man das zur Kenntnis, mehr aber auch nicht. Wenn sowas quasi vor der eigenen Haustür geschieht, (be)trifft einen das ganz anders. Ich stehe heute irgendwie neben mir. Und es tut mir unendlich leid für die Menschen, die heute Abend vergeblich warten und hoffen.

 

 

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Nach-Schock

Konzentration auf die Arbeit fällt heute unglaublich schwer. Das geht nicht nur mir so. Auch wenn von meinen Kollegen und Bekannten niemand unmittelbar betroffen ist, hängen die Gedanken irgendwo im luftleeren Raum, der Blick starrt auf den Monitor, die Finger tippen immer wieder die Nachrichten-Seiten in die Adresszeile des Browsers. Ich kann mich an die Geiselname im Moskauer Theater 2002 erinnern, ich war damals in St. Petersburg, und damals saß ich genau so apathisch vor dem Fernseher und sah wieder und wieder die Bilder – mit dem Gefühl, dass das doch einfach nicht sein kann, einerseits, und unglaublicher Traurigkeit andererseits.

Auf einigen Internetseiten kann man mittlerweile die Namen derer erfahren, die verletzt in Krankenhäuser eingeliefert wurden. Und da liest man:

Krankenhaus Nr. sowieso: soundsoviel Verletzte
XX (schwerst verletzt)
XY (schwerst verletzt)
XZ (schwerverletzt)
Name nicht bekannt
Name nicht bekannt

Die, deren Namen da bisher nicht in Erfahrung gebracht werden konnten, sind also in einem solchen Zustand, dass man sie nicht einmal befragen kann.

Immer wieder liest jemand die letzten Nachrichten vor: In einer Metrostation wurden zwei Männer mit „kaukasischem Aussehen“ aus dem Waggon geprügelt – man hat Angst, vielleicht haben die ja auch einen Selbstmörder-Gürtel mit Sprengstoff um? Eine Frau in Konjkovo hat am Sonntag die Miliz angerufen, weil sie ein Gespräch zweier Frauen mitgehört hat, die über einen bevorstehenden Anschlag sprachen – die Station „Konjkovo“ wurde abgesucht, aber nichts gefunden. In den Kommentaren zu den Nachrichten liest man Diskussionen darüber, ob das harte Vorgehen im Kaukasus zu hart oder nicht hart genug ist… und viele denken wahrscheinlich ähnlich wie ich: Heute hat es die rote Linie getroffen, morgen ist vielleicht die orange oder die grüne dran, morgen sitze vielleicht ich oder einer meiner Freunde im Zug, der nirgends ankommt?

PS: Und dabei wollte ich heute eigentlich davon erzählen, wie wir gestern den ersten Geburtstag von unserem kleinen Mädchen gefeiert haben…

Beigeschmack

Meine Schwägerin wohnt im Südwesten Moskaus an der roten Metrolinie. Mit der fährt sie zur Arbeit. Mobilfunk brach morgens zusammen, weil viele versuchten, ihre Angehörigen zu erreichen – nach x Versuchen, zu ihr durchzukommen, halb 12 endlich von ihr der Rückruf: „Alles in Ordnung, aber ich bin immer noch unterwegs und hab schon keine Kraft mehr…“ Wie viele andere ging sie heute weite Strecken in Richtung Zentrum zu Fuß, weil die Metro wegen der Anschläge nicht fuhr und oberirdisch der Verkehr quasi lahm gelegt war, weil die Miliz die Straßen gesperrt hatte. Im Stadtzentrum selbst war es deswegen ungewöhnlich ruhig. Zwar wurden zusätzliche Busse eingesetzt, aber die blieben ja auch in den Staus Richtung Zentrum stecken… einziger Ausweg: Taxis, offizielle oder private („bombily“ nennt man die „Schwarztaxis“  im Volksmund). Im Radio immer wieder Aufrufe: „Wenn Sie im Auto unterwegs sind, helfen Sie, zeigen Sie Menschlichkeit, lassen Sie Leute mitfahren.“ Haben sicherlich viele getan, aber viele leider auch nicht:

9/11, New York, der Terroranschlag – Taxifahrer fahren kostenlos. 29. März, Moskau – Taxis verzehnfachen ihre Preise.
(Quelle)

Wie RIA „Novosti“ mitteilt, verlangen Taxifahrer für die Fahrt vom Platz der drei Bahnhöfe (Station „Komsomolskaja“ der Solkolnitcheskaja-Linie) bis zum „Park Kultury“ bis zu 3.000 Rubel. … Auch in anderen Moskauer Stadtbezirken zogen die „Bombily“ die Preise an. „Ich habe einem Taxifahrer 1.000 Rubel für die Fahrt von Solnzevo bis zum „Park Kultury“ bezahlt, obwohl ich sonst für die gleiche Strecke 200-300 Rubel zahlen musste“, erzählt der Moskauer  Wladimir Gupalo der Zeitung „Gazeta.ru“
(Quelle)

Nach den Anschlägen in der Moskauer Metro kam in der Stadt an vielen Stellen der Verkehr zum Erliegen. Taxifahrer verlangten zum Teil das Zehnfache des normalen Preises; Appelle zur Solidarität fruchteten nicht.
(Quelle)

Es geht wieder los

Lange war es verhältnismäßig ruhig in Moskau, jetzt geht es wieder los – Bombenanschläge in der Metro. Auf zwei Stationen der „roten Linie“ haben sich heute früh Terroristinnen in die Luft gejagt – und ca. 40 Menschen mit in den Tod genommen. Auf dem Weg zur Arbeit, zur Uni, von der Nachtschicht nach Hause… Pustj zemlja im budet pukhom!

Zensiert

Auf Klage der Staatsanwaltschaft von Bashkirien (oder Bashkortostan, wie die Region auch noch genannt wird) wurde heute H.itlers Buch „M.ein K.ampf“ als extremistisch eingestuft. Die Reaktion einer Kollegin: „Na das wurde aber auch Zeit!“

Andererseits höre ich immer wieder von Russen, die das Buch (in russischer Übersetzung, in der man es auch im Internet finden kann) gelesen haben, dass da „zumindest im ersten Teil ganz vernünftige Sachen drin stehen“. Wie gesagt, das habe ich von Leuten gehört, das ist nicht meine Meinung. Ich kann ja per se keine haben, denn in Deutschland kann man das Buch ja nicht lesen. Aber das würde ich gern. Ehrlich. Einfach aus „historischem Interesse“. Um mal zu wissen, was da drin steht. Nicht anhand irgendwelcher Übersetzungen, die ich zwar auch lesen könnte, aber das will ich nicht.

Ich ahne schon, dass mir bestimmt irgendwer vorwerfen wird, ich würde n.azistisches Gedankengut verbreiten oder gutheißen oder sowas – dagegen verwehre ich mich. Ich sage ja nicht, dass man das besagte Buch wie heiße Brötchen an jeder Ecke verkaufen soll. Aber ich finde, in einigen Bibliotheken könnte es schon zugänglich gemacht werden, wenigstens zum Lesen. Ich kann mir vorstellen, dass sowas dem Buch auch etwas den Charakter einer „verbotenen Frucht“ nehmen würde – dann wäre es nicht mehr so verlockend für allmögliche verschworene Gemeinschaften und würde sicherlich (wenigstens teilweise) seinen Kultstatus verlieren. Mir hat allerdings mal jemand hier in Russland gesagt: „Das ist schon Absicht, dass man die Deutschen das Buch nicht lesen lässt, sonst würde es nämlich die Folge haben, dass viele Deutsche sagen: ‚Aber in einigen Punkten hatte er doch recht!‘ Und das wäre politisch nicht vertretbar.“

Überhaupt finde ich es manchmal schon erstaunlich und auch manchmal unverständlich, wieviel Sympathie jüngere Russen teilweise für H.itler und seine Ideen zeigen. Andererseits ist es meiner Ansicht nach überzogen, dass man in Deutschland alles, was den Zeitraum des Dritten Reichs betrifft, nur schlecht finden darf. So als ob in der Zeit überhaupt gar nichts positives in Deutschland passiert ist. Aber das ist ein anderes Thema…

Veränderungen Teil 2

Weil ich mich ja vor einiger Zeit damit brüstete, dass ich für mein geplantes großes Ziel Nr. 1 auf Schokolade verzichte und zur Arbeit laufe und so… lange hielt das leider nicht vor. ABER! Ich fange wieder an. Ab morgen wieder keinen Süßkram. Und da die Fußwege nach kurzer Rückkehr des Winters nun doch endlich abgeschmolzen sind, könnte ich auch wieder zu Fuß zum Büro gehen. Sollte ich wohl auch… wenigstens war ich am Sonntag das erste Mal beim Sport. Mir tun jetzt noch die Oberschenkel weh. Und eine Freundin liegt mir in den Ohren, ich solle doch zu einer bestimmten Trainerin gehen und betreutes Training machen. 15 Kilo weg in zwei Monaten, das klingt schon verlockend, oder? Kostet aber neben ’ner guten Portion Disziplin (Diät! ohne die geht’s ja nicht) auch ’ne Stange Geld. Also richtig ordentlich. Ich überlege noch, aber ich ruf die Dame morgen mal an.

Was das große Ziel Nr. 2 betrifft, da tut sich irgendwie gerade nichts. Nach zwei hoffnungsvollen Telefonaten im Februar ist wieder Funkstille. Aber ich bleibe dran. Vielleicht kommt bald wieder eine Möglichkeit zum Nachhaken. Und das Jahr ist ja noch verhältnismäßig jung. In der Zwischenzeit dokumentiere ich meinen guten Willen zu Veränderungen aber wenigstens mit einem neuen Header-Foto…

schnell mal zwischendurch

Nicht, dass es nichts zu erzählen gäbe, ich komm nur mal wieder nicht hinterher, deswegen nur mal fix ein kleines Häppchen. Mein Kollege gab mir neulich diesen Link, und da findet man folgende Nachricht:

Alle kommunalen Kräfte von St. Petersburg wurden eingesetzt, um einen Wasserschaden in der Wohnung von Premierminiser Wladimir Putin zu beiseitigen.

Wie die „Neue Zeitung in St. Peterburg“ mit Verweis auf die Nachbarn von W. Putin berichtet, hat die Wohnung des Premierministers in St. Petersburg wegen eines undichten Dachs Schaden genommen. Der Assistent von W. Putin, der in die Wohnung kam, um die Rechnungen für die Wohnung zu bezahlen und ihren Zustand zu überprüfen, entdeckte Wasserspuren an den Wänden und ein aufgedunsenes Parkett.

Bereits nach wenigen Stunden nach dem Besuch von Putins Vertreter in der Wohnung versammelte sich die gesamte Obrigkeit des Stadtbezirks an dem Haus. Von ungefähr 22 Uhr am 11. März bis 6 Uhr morgens am 12. März konnten die Bewohner des Hauses Nr. 17 der 2. Reihe der Vasiliev-Insel nicht in ihre Wohnungen gelangen, weil Milizionäre und Absperrbänder ihnen den Weg versperrten. „Sie haben einen Haufen Technik zum Haus gekarrt – so viel Gerät haben wir noch nie gesehen, nicht bei unseren 4 Wänden und überhaupt im ganzen Wohnbezirk,“ erzählten die Bewohner der Zeitung. „Hier waren Abschleppfahrzeuge, Mini-Traktoren, normale Traktoren, Planierfahrzeuge und Kipplader – mindestens 20 Fahrzeuge. Ungefähr zehn Alpinisten haben sie nach oben geschickt und die ganze Nacht sehr sorgfältig das Dach gereinigt, danach auch den Hof,“ berichtet die Zeitung.

Die Arbeiten wurden persönlich vom Leiter des Vasiliev-Insel-Stadtbezirks, Wladimir Omelnitzkij, und seinen Stellvertretern geleitet.

Die Kommunaldienste der Stadt nannten die nächtliche Unternehmung allerdings eine gewöhnliche Tätigkeit und erklärten, dass sie nicht durch W. Putin bedingt war.

Naja, wer’s glaubt… mein Kollege jedenfalls hat Freunde in St. Petersburg, in deren Haus seit Jahren das Dach leckt – jedes Frühjahr, wenn der Schnee taut, gibt’s wieder Grund zur Renovierung. Das wissen die Kommunaldienste auch, aber darum kümmert sich kein Mensch, da wohnt ja nicht der Premierminister.