Beigeschmack

Meine Schwägerin wohnt im Südwesten Moskaus an der roten Metrolinie. Mit der fährt sie zur Arbeit. Mobilfunk brach morgens zusammen, weil viele versuchten, ihre Angehörigen zu erreichen – nach x Versuchen, zu ihr durchzukommen, halb 12 endlich von ihr der Rückruf: „Alles in Ordnung, aber ich bin immer noch unterwegs und hab schon keine Kraft mehr…“ Wie viele andere ging sie heute weite Strecken in Richtung Zentrum zu Fuß, weil die Metro wegen der Anschläge nicht fuhr und oberirdisch der Verkehr quasi lahm gelegt war, weil die Miliz die Straßen gesperrt hatte. Im Stadtzentrum selbst war es deswegen ungewöhnlich ruhig. Zwar wurden zusätzliche Busse eingesetzt, aber die blieben ja auch in den Staus Richtung Zentrum stecken… einziger Ausweg: Taxis, offizielle oder private („bombily“ nennt man die „Schwarztaxis“  im Volksmund). Im Radio immer wieder Aufrufe: „Wenn Sie im Auto unterwegs sind, helfen Sie, zeigen Sie Menschlichkeit, lassen Sie Leute mitfahren.“ Haben sicherlich viele getan, aber viele leider auch nicht:

9/11, New York, der Terroranschlag – Taxifahrer fahren kostenlos. 29. März, Moskau – Taxis verzehnfachen ihre Preise.
(Quelle)

Wie RIA „Novosti“ mitteilt, verlangen Taxifahrer für die Fahrt vom Platz der drei Bahnhöfe (Station „Komsomolskaja“ der Solkolnitcheskaja-Linie) bis zum „Park Kultury“ bis zu 3.000 Rubel. … Auch in anderen Moskauer Stadtbezirken zogen die „Bombily“ die Preise an. „Ich habe einem Taxifahrer 1.000 Rubel für die Fahrt von Solnzevo bis zum „Park Kultury“ bezahlt, obwohl ich sonst für die gleiche Strecke 200-300 Rubel zahlen musste“, erzählt der Moskauer  Wladimir Gupalo der Zeitung „Gazeta.ru“
(Quelle)

Nach den Anschlägen in der Moskauer Metro kam in der Stadt an vielen Stellen der Verkehr zum Erliegen. Taxifahrer verlangten zum Teil das Zehnfache des normalen Preises; Appelle zur Solidarität fruchteten nicht.
(Quelle)

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3 Antworten

  1. Die Nachrichten sind schrecklich, bin froh das es Dir gut geht, ich hätte eigentlich zu der Zeit in der Metro bei Kulturui sitzen müssen, aber manchmal lohnt es sich zu müde zu sein…. Kloss im Hals.

  2. Mein Kollege, der von Jugo-Zapadnaja aus fährt, hat auch verschlafen… und meiner Nichte ging es früh schlecht, weswegen meine Schwägerin später als sonst aus dem Haus ging… alles Zufall?

  3. Ich weiss nicht, manche glauben ja an Schicksal, aber ich denke es war Zufall. Zumal dieser Zufall ja auch alle betrifft die ein paar minuten vor oder nach dem Anschlag dort vorbeigekommen sind. Schliesslich ist die rote Linie eine der meistbefahrensten und beide Stationen sind Knotenpunkte.

    Ich hab gelesen dass zum Zeitpunkt der Anschläge 500.000 Menschen in der gesamten Metro waren, die Metro fahren auf der roten Linie ja im 2 Minuten Takt.

    Eine Freundin von mir war wie Du, auch in Moskau als die Geiselnahme im Theater war, das muss noch schlimmer gewesen sein, vor allem zog sich das ja 3-4 Tage hin. Eine aus meinem Sprachkurs meinte sie hatte damals 3 Tage vor dem Fernseher gesessen und 4 Kilo abgenommen…

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