Nach-Schock

Konzentration auf die Arbeit fällt heute unglaublich schwer. Das geht nicht nur mir so. Auch wenn von meinen Kollegen und Bekannten niemand unmittelbar betroffen ist, hängen die Gedanken irgendwo im luftleeren Raum, der Blick starrt auf den Monitor, die Finger tippen immer wieder die Nachrichten-Seiten in die Adresszeile des Browsers. Ich kann mich an die Geiselname im Moskauer Theater 2002 erinnern, ich war damals in St. Petersburg, und damals saß ich genau so apathisch vor dem Fernseher und sah wieder und wieder die Bilder – mit dem Gefühl, dass das doch einfach nicht sein kann, einerseits, und unglaublicher Traurigkeit andererseits.

Auf einigen Internetseiten kann man mittlerweile die Namen derer erfahren, die verletzt in Krankenhäuser eingeliefert wurden. Und da liest man:

Krankenhaus Nr. sowieso: soundsoviel Verletzte
XX (schwerst verletzt)
XY (schwerst verletzt)
XZ (schwerverletzt)
Name nicht bekannt
Name nicht bekannt

Die, deren Namen da bisher nicht in Erfahrung gebracht werden konnten, sind also in einem solchen Zustand, dass man sie nicht einmal befragen kann.

Immer wieder liest jemand die letzten Nachrichten vor: In einer Metrostation wurden zwei Männer mit „kaukasischem Aussehen“ aus dem Waggon geprügelt – man hat Angst, vielleicht haben die ja auch einen Selbstmörder-Gürtel mit Sprengstoff um? Eine Frau in Konjkovo hat am Sonntag die Miliz angerufen, weil sie ein Gespräch zweier Frauen mitgehört hat, die über einen bevorstehenden Anschlag sprachen – die Station „Konjkovo“ wurde abgesucht, aber nichts gefunden. In den Kommentaren zu den Nachrichten liest man Diskussionen darüber, ob das harte Vorgehen im Kaukasus zu hart oder nicht hart genug ist… und viele denken wahrscheinlich ähnlich wie ich: Heute hat es die rote Linie getroffen, morgen ist vielleicht die orange oder die grüne dran, morgen sitze vielleicht ich oder einer meiner Freunde im Zug, der nirgends ankommt?

PS: Und dabei wollte ich heute eigentlich davon erzählen, wie wir gestern den ersten Geburtstag von unserem kleinen Mädchen gefeiert haben…

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2 Antworten

  1. […] Manu berichtet aus Moskau vom Nach-Schock, wie fühlen sich Angehörige, wenn Sie folgendes lesen können: […]

  2. ‚Das glaube ich, da kann sich doch keiner auf Arbeit konzentrieren, wenn so etwas passiert!

    Trotzdem und umso mehr von ganzem Herzen alles Gute dem kleinen Mädchen zum Geburtstag! Ein Jahr schon, wow!

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